Am Ende einer Woche, die damit begann, dass ihn eine Zeitung "Verkehrtminister" nannte, und die mit der Nachricht endete, dass sich die von ihm gelobten Lungenärzte verrechnet hatten, hat sich der Minister ins Flugzeug gesetzt. Eine Stunde ist er geflogen, noch eine halbe Stunde mit dem Auto Richtung Süden gefahren, dann hat er den Ort erreicht, an dem sich niemand für Lungenärzte zu interessieren scheint, niemand für Feinstaubgrenzwerte und an dem die Verkehrspolitik daran gemessen wird, ob die B 471 nun demnächst einen Tunnel bekommt oder nicht.

Ein Freitagabend in Oberbayern. Über hundert Bürger sind in den Gemeindesaal in Ismaning gekommen. Andreas Scheuer bleibt zwei Stunden. Er spricht über die Mobilität der Zukunft, über den Wirtschaftsstandort Deutschland und über chinesische Autobauer. Die Ismaninger hören höflich zu, aber wissen wollen sie vor allem eins: was nun mit dem Tunnel passiert. Ein Ingenieur aus dem CSU-Ortsverein hat bereits Pläne angefertigt. Links neben der Bühne wurden sie aufgehängt. Es ist auch schon alles berechnet, teuer wird vor allem die Zufahrt. "Höchste Dringlichkeit" habe das Thema Tunnel für ihn, erklärt der Minister, lässt sich neben dem Plan fotografieren, und gerade scheint er ganz einverstanden damit zu sein, dass seine Probleme einen Abend lang auf die Zukunft einer Bundesstraße schrumpfen.

Seit 17 Jahren sitzt Andreas Scheuer im Bundestag, seit einem Jahr ist er Verkehrsminister. In den vergangenen Monaten ist der CSU-Politiker zum Einpeitscher eines Kulturkampfs geworden. Die Frage des Klimaschutzes drängt aus der Zukunft in die Gegenwart, zieht eine Furche durch die Politik und polarisiert die Debatten. Es gehe um gesellschaftlichen Frieden, sagt der IG-Metall-Chef, um Freiheit oder Jakobinertum, sagt die CDU-Vorsitzende, um Verstand oder Ideologie, sagt Andreas Scheuer. Während sein Parteichef, der bayerische Ministerpräsident Markus Söder, in München neuerdings Sanftmut verströmt, hat Scheuer den Radau für die CSU wiederentdeckt. Tempolimit, Lungenärzte, Fahrverbote. Überall ist er mittendrin.

Die Zeiten, in denen Verkehrsminister vor allem Straßen zu bauen hatten, sind vorbei. 40 bis 42 Prozent der CO₂-Emissionen müssen bis 2030 im Verkehr im Vergleich zu 1990 eingespart werden. Diese Klimaschutzziele hat sich die Regierung mit dem Pariser Vertrag gesetzt. Die Autorepublik Deutschland steht vor einem Umbruch, gegen den der Kohleausstieg nur ein Trainingsspiel war. Bei der Kohle ging es um vier Reviere und einige Tausend Beschäftigte. Bei der Mobilität geht es um jeden Einzelnen.

"Superspannend" sei das, sagt Scheuer bei einem Gespräch Mitte Februar in seinem Ministerbüro in der Berliner Invalidenstraße. Vieles findet er "spannend". Vernetzte Infrastruktur, selbstfahrende Autos, Satellitennavigation. Es gibt noch ein Wort, das Scheuer so gerne benutzt wie "spannend", das ist "digital". Spannend und digital, so spricht Scheuer. Verbote und Regulierung, so reden Zauderer, Gestrige, andere, jedenfalls nicht er.

In einer Ecke von Scheuers Ministerbüro liegen zwei kleine Elektroroller. Ob sie absichtlich dort platziert wurden, weiß man nicht. Scheuer ist ein Mann, der sich selbst und sein Bild in der Öffentlichkeit genau beobachtet. Den Etat für die PR-Abteilung des Ministeriums hat er zu Beginn seiner Amtszeit mehr als verdoppelt. Seinen Sprecher hat er von der Bild -Zeitung angeheuert, und im Erdgeschoss des Ministeriums hat er ein sogenanntes Neuigkeitenzimmer einrichten lassen. 14 Leute sitzen in dem Großraumbüro vor ihren Rechnern, schneiden Videos und schreiben Nachrichten. Auf Twitter, Instagram und Facebook bewerben sie das Ministerium, und vor allem bewerben sie den Minister. Scheuer beim Bike-Sharing, wie er eine Drohne lenkt und einem Roboter die Hand schüttelt. Im Bauch des Ministeriums malen sie an einem überlebensgroßen Selbstporträt.