Dervis Hizarci wäre geradezu eine Idealbesetzung für Lessings Drama Nathan der Weise. Er ist die personifizierte Ringparabel: Der gläubige Muslim wandert gerne zusammen mit seinen christlichen Freunden, seiner "katholischen Connection", wie er sie gegenüber der Katholischen Nachrichten-Agentur titulierte. Und er spielt als Stürmer bei Makkabi Berlin, dem jüdischen Fußballclub der Hauptstadt.

Es ist alles andere als selbstverständlich, dass ein Sohn türkischer Gastarbeiter, geboren im Neukölln der 1980er-Jahre, in einem jüdischen Verein für Tore sorgt. Allenfalls auf den Bolzplätzen in Berlins multikulturellen Kiezen fragt man nach der Religion nur, wenn einer foult. Sonst aber bestimmt sie die Gesetze, wer dazugehört und wer nicht. Hizarci weiß, dass die Kickerei für Makkabi ein Signal ist. Als Muslim stürmt er auch im Alltag gegen den Hass an. Der 35-Jährige ist Vorstandsvorsitzender der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA) seit ihrer Gründung 2003.

Am 9. März wird dieser Verein in der Woche der Brüderlichkeit belohnt. Der Deutsche Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit ehrt ihn mit der diesjährigen Buber-Rosenzweig-Medaille. Die Kreuzberger teilen sich den Preis mit einem sächsischen Netzwerk für Demokratie und Courage. Im Büro der Kreuzberger Initiative arbeitet eine kopftuchtragende Muslima zusammen mit einem Juden ohne Kippa. Sie entwickeln mit den christlichen Kollegen Konzepte gegen Judenhass, die nicht abgehoben sind, sondern bei den Diskriminierungserfahrungen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund ansetzen: "Wenn ein Schüler 'Du Jude' zu jemand anderem sagt, sollte nicht die erste Reaktion des Lehrers sein, eine KZ-Gedenkstätte zu besuchen", rät Hizarci, der Politik und Geschichte auf Lehramt studiert hat und viele Jahre als Bildungsreferent im Jüdischen Museum arbeitete. Mit persönlichen Gesprächen erreichte die KlgA als eine der ersten Initiativen auch die Einwanderungsgesellschaft, für die sie eine politische Bildungsinstitution sein will.

Hizarci betont, dass, wenn sein Verein Schulen berät, Ausstellungen organisiert und Fortbildungen veranstaltet, die wachsende Judenfeindlichkeit in Deutschland kein vorrangiges Migrantenproblem ist, wie es die Rechtspopulisten immer wieder suggerieren. Sie ist ein gesamtgesellschaftlicher Trend – das bestätigt auch eine polizeiliche Statistik vom Februar dieses Jahres. Demnach ist die Zunahme antisemitischer Straftaten den Rechtsextremen geschuldet. In Nürnberg verleihen die mehr als 80 Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit den Preis im Beisein des Bundespräsidenten an gleich zwei zivilgesellschaftliche Initiativen gegen Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit. Damit würdigen sie das Ziel von Hizarci, das Engagement gegen Antisemitismus als "moderne bürgerliche Tugend zu etablieren". In Zeiten, wo alte bürgerliche Tugenden offensichtlich versagen.

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