Messerscharfer Realismus war sein Markenzeichen, wenn er wortmächtig die Politik der Bundesrepublik analysierte: Arnulf Baring, Spross einer weitverzweigten deutsch-englischen Familie und ursprünglich promovierter Jurist, war ab 1969 Professor an der FU Berlin, zunächst am Otto-Suhr-Institut (OSI) bei den Politikwissenschaftlern, ab 1976 bei den Zeithistorikern am Friedrich-Meinecke-Institut in Dahlem. Da war er in der Fachwelt längst eine Größe durch seine bahnbrechende Studie Außenpolitik in Adenauers Kanzlerdemokratie, die breite Öffentlichkeit lernte ihn kennen durch seinen Bestseller Machtwechsel. Die Ära Brandt-Scheel von 1982 über die erste sozialliberale Regierung 1969 bis 1974. Geschrieben hatte Baring es im Auftrag des liberalen Bundespräsidenten Walter Scheel; ab 1976 durfte er sich drei Jahre lang in der Bonner Villa Hammerschmidt, dem Bundespräsidialamt, einquartieren und bekam exklusiven Aktenzugang. Das packende Buch bot einen schonungslosen Einblick in das Ränkespiel der Bonner Republik während Brandts umkämpfter Kanzlerschaft.

Den Sozialdemokraten hatte Baring unterstützt: 1952 war er in die SPD eingetreten und wurde zum glühenden Anhänger von Brandt und dessen Ostpolitik. Zugleich zweifelte er nie an Adenauers Politik der Westbindung. Anfang der Siebzigerjahre engagierte sich Baring in der Sozialdemokratischen Wählerinitiative, jener Gruppe von Intellektuellen, die Brandt berieten und öffentlich für ihn warben. 1982 freilich riet er der FDP zum Koalitionswechsel an die Seite der Union, damit war seine Zeit in der SPD vorbei.

Nach der Wiedervereinigung haderte er zunehmend mit der Berliner Republik, was seine Bestseller Deutschland, was nun? (1991) und Scheitert Deutschland? (1997) belegen. Die publizistische Praxis war ihm näher als die wissenschaftliche Theorie. Einer wie er konnte nicht in Träumen vom weltweiten Sieg der Demokratie und im Ideal einer erweiterten und vertieften EU schwelgen; so warnte er vor der Einführung des Euro.

Barings zahlreiche Talkshowauftritte wirkten bei seiner Lust zur Dramatisierung mit leicht cholerischen Einlagen bisweilen übererregt. Wer ihn in seinem Hang zur Polemik missverstehen wollte, dem gab er genügend Anlass – ob er nun Thilo Sarrazin verteidigte oder in der FAZ "Bürger, auf die Barrikaden!" rief. Zu Unrecht aber sahen ihn manche in der "rechten Ecke": Baring blieb ein engagierter Demokrat und aufgeklärter Patriot; Duckmäusertum verabscheute er zutiefst.

Zahlreiche seiner Schüler machten ansehnliche Karrieren, viele im Journalismus. Seine Seminare erscheinen mir in der Erinnerung an die chaotische Zeit der Studentenunruhen am OSI als Oase des kultivierten Disputs. 1969 fieberte ich jeder Seminarsitzung über die Kuba-Krise entgegen: Baring war unnachahmlich darin, internationale Politik anschaulich zu erläutern und uns zu selbstständigem Denken zu ermuntern. Neben allem anderen war er ein begnadeter Pädagoge – dabei lässig im grauen Fischgrätjackett mit dunkelblauer Strickkrawatte über dem Button-down-Hemd, oft ironisch schmunzelnd, immer aufmerksam. Die Streitlust und das übersprudelnde Temperament des jetzt 86-jährig Verstorbenen werden schmerzlich fehlen.