Zu Beginn ist da ein Song. If Beale Street Could Talk ist ein Klassiker des Blues, vor gut 100 Jahren komponiert, was würde die Beale Street in New Orleans nicht alles erzählen, sang Mahalia Jackson, was könnte die Beale Street ausplaudern, von braunen Typen in tollen Klamotten, ehrlichen Kerlen oder Geschäften, die prima laufen, bis einer tot am Boden liegt – alle Schwarzen seien irgendwie in der Beale Street zu Hause, schrieb James Baldwin, der 1974 diesen Song in einen schmalen Roman verwandelte. Beale Street sei eine laute Straße, warnte der Autor, es sei dem Leser überlassen, aus dem Schlagen der Trommeln den Sinn des Buches herauszuhören. Ein Song wird also ein Buch und das Buch nun ein Film. Barry Jenkins, dem wir Moonlight verdanken, diesen wundervollen Film über das Aufwachsen eines Kindes als schwarzer Junge, hat Baldwins Buch adaptiert. Sein Film setzt aber nicht mit lauten Trommeln ein, sondern mit leisen Streichern, sanft und traurig.

Man sieht zu der seufzenden Tonspur ein Liebespaar im Park. Die Blätter der Bäume sind schon matt, und die Streicher legen sich mächtig in diesen melancholischen Herbst hinein, als wollten sie sagen: Jaja, hier wird Romeo und Julia gegeben. Tragödien-Warnung. Es werden Tränen fließen! Barry Jenkins hatte schon in Moonlight mit dem Komponisten Nicholas Britell zusammengearbeitet, der Soundtrack zu Beale Street wurde auch bereits ausgezeichnet, vielleicht weil die Streicher so unbeirrt ihren Ton halten, dieses ewige Moll. Tatsächlich hatte Baldwin den Ton anders gesetzt, er hat die Erzählstimme an eine freche Frau gegeben, an Tish. Sie erzählt von sich und Fonny, ihrem Kinderfreund, man sieht die beiden im Rückblick als kleine Frechdachse in der Badewanne. Dann, mit 19 und 22, sind sie ein Paar. Tish ist schwanger. Aber es fällt ihr schwer, guter Hoffnung zu sein, denn Fonny sitzt nun im Gefängnis, eine verwirrte Frau hat ihn der Vergewaltigung beschuldigt.

KiKi Layne spielt Tish als ein von Ängsten und Hemmungen zuckendes, flüsterndes, oft nur hauchendes Wesen, was etwas irritierend ist. Die Tish des Romans ist eine Frau, die zwar müde daherkommt, aber sprachmächtig, gelegentlich bebt sie vor Zorn, Gott habe ihrer Meinung nach, sagt sie etwa nicht ohne Witz, "mit Amerika überhaupt niemandem ein Geschenk gemacht". Als der Roman 1974 erschien, lebte Baldwin schon ein halbes Leben lang in Frankreich, geflohen aus Amerika, nach den Morden an Malcolm X und Martin Luther King. Nur weg aus diesem Land, von dem Fonny in einer zentralen Szene des Films sagt: "Mann, dieses Land hasst Nigger wirklich."

Fonny, der Schule und einige Jobs geschmissen hat und wie Baldwin ein Künstler ist, Bildhauer, tritt auf als einer, der sich gefunden hat. Stephan James spielt ihn in einer Mischung aus Selbstsicherheit und Kraft. James kann auch Explosionen von Wut sowie große Zartheit. Er sitzt in dieser Szene mit einem alten Freund am Tisch, der gerade aus dem Gefängnis kommt, zwei Jahre Haft wegen Autodiebstahl. Obwohl er noch nicht mal Auto fahren kann. Daniel versucht, vom Gefängnis zu erzählen, Bryan Tyree Henry stellt ihn dar als einen riesigen Berg von Mann, aber schwitzend vor Furcht, gebrochen durch Gewalt und Demütigung. Ihm gegenüber erscheint Fonny als einer, der davongekommen ist, er hat seine Skulpturen und natürlich Tish, er erzählt von Plänen, Amerika hinter sich zu lassen, einfach wegzugehen. Darauf ein Prost! Dann kippt die Handlung. Fonny geht nirgendwohin, außer ins Gefängnis, in diese neue Form der alten Sklaverei, die heute noch Generationen von jungen Schwarzen gefangen hält.

Barry Jenkins entfaltet seinen Film um diese Szene herum in Erzählsplittern, in Rückblenden und Vorblenden, dicht gesteckt. Oft überraschende Schnitte produzieren atemberaubende Cliffhanger. Die Klammer bietet die Liebesgeschichte von Tish und Fonny. Um sie herum sind ihre Familien, der warme Clan, zu dem sich Tish flüchten kann, und auf der anderen Seite die dysfunktionale Familie, in der Fonny schon als Kind fremd war. Regina King spielt Tishs Mutter mit einer Herzensklugheit, für die sie zu Recht den Oscar für die beste Nebendarstellerin bekam. Aunjanue Ellis gibt Fonnys Mutter als schrille, frömmelnde Person. Baldwin, ungeliebter Stiefsohn eines Pfarrers, verdichtet in dieser Figur seine Abscheu vor der Religion. Die beiden Familien knallen aufeinander in einer Szene, in der Bosheit und Gewalt sich aufpeitschen, ein Gott des Gemetzels wäre entzückt. Es wird nichts beschönigt in der Schilderung einer schwarzen Community, die in sich eben auch ein System von wahnhafter Selbsttäuschung beherbergen kann. Zugleich zeigen sich die werdenden Großväter als Trickser, die gut gelaunt Diebesgut verticken, um Fonnys Anwalt zu finanzieren.

Der Film erinnert mit eingeschobenem Dokumentationsmaterial an die Polizeirazzien, den Drogenkrieg, die Gewalt auch unserer Tage, Ed Skrein komprimiert in der Figur des miesen Cops eine unerträgliche Niedertracht. Insgesamt aber neigt Barry Jenkins dazu, seinen Film in die Elegie hinein zu überhöhen: der süßtraurige Sound, die immer zitternde Tish, die Generationen entfernt scheint von jenen schwarzen Frauen, die wie ihre Mutter den Laden mit Herz und Stärke zusammenhalten. Da ist vielleicht auch ein Zuviel an Ausstattung, da passt der weiße Poncho so superperfekt zu den hellen Fliesen der Wege und das kleine Cordjackett zum Grün der Farnwedel auf der Retrotapete. Schwarze Realität ist wohl anders, vor allem aber ist da ein Zuwenig von jener Vision, für die Baldwin auch stand.

Für Baldwin galt, jenseits seiner von der Wut geschärften Analyse, dass die Gegenwart zu überwinden sei, so wie Martin Luther King es formuliert hatte – "Wir werden uns von der Müdigkeit der Verzweiflung hochreißen zum freudigen Elan der Hoffnung". Baldwin dachte sich, wie King, immer in eine Zukunft, und er glaubte zu wissen, wie man hinkommt. "Wir müssen zweierlei tun", sagte er 1984 in einem Gespräch mit Julius Lester in der New York Times Books Review: "uns gegenseitig lieben und unsere Kinder großziehen." So viel Zuversicht also findet sich bei Baldwin, und so viel Schärfe. "Die Alternative ist Suizid", sagte er. Von beidem, der Schärfe und der Zuversicht, hat der schöne Film zu wenig.