DIE ZEIT: Herr Osterloh, Volkswagen investiert 30 Milliarden Euro in Elektroautos. Warum?

Bernd Osterloh: Die Klimaziele können wir mit herkömmlicher Technologie nicht schaffen. Dazu kommen gesetzliche Vorgaben.

ZEIT: Sie spielen auf neue Vorgaben aus Brüssel an, wonach Neuwagen bis 2030 nur noch 60 Gramm CO₂ je Kilometer im Flottenschnitt ausstoßen dürfen.

Osterloh: Genau. Ob die Elektromobilität allein die Antwort ist, werden wir sehen. Das hängt auch vom Kunden ab. Wie viele Elektroautos bestellt er am Ende, und hätte er doch lieber ein Auto mit Gasantrieb oder einen Hybrid? Und was ist mit den alternativen Kraftstoffen oder der Brennstoffzelle?

ZEIT: Wie reagieren die Beschäftigten auf die radikale Wende?

Osterloh: Die Belegschaften bei VW unterstützen den Kampf gegen die Erderwärmung. Viele von uns haben Kinder und stellen sich der Verantwortung für nachhaltiges Handeln. Dazu gehört natürlich auch die soziale Nachhaltigkeit. Das bedeutet konkret: Weil die Beschäftigung gesichert ist und Arbeitsplätze nur über sozialverträgliche Maßnahmen abgebaut werden, tragen die Kolleginnen und Kollegen den Wandel mit. Da gibt es auch ein hohes Vertrauen in die IG Metall und den Betriebsrat von Volkswagen.

ZEIT: Wie viele Arbeiter bleiben übrig, wenn man statt der aufwendigen Dieselmotoren Batterien einbaut?

Osterloh: Wenn wir zu hundert Prozent auf Elektro umstellen würden, bräuchten wir ein Drittel weniger Personal in der Produktion.

ZEIT: Ist Deutschland reif für das E-Auto?

Osterloh: Der Kunde und die Industrie sind es. Aber die Politik können Sie an der Stelle vergessen. Der Kunde wäre bereit für das Elektroauto, wenn die Infrastruktur zum Laden vorhanden wäre. Da geschieht aber viel zu wenig.

ZEIT: Welche Hürden gibt es?

Osterloh: Ein Beispiel: 80 Prozent der Berliner Bevölkerung leben in Wohnungen in mehrgeschossigen Mietshäusern. Wo sollen die ihre Autos laden? Ganz davon abgesehen, dass oft die Leitungen nicht stabil genug sind. Das ist wie mit der Dreifachsteckdose. Wenn ich da einen Thermomix, einen Toaster und einen Wasserkocher gleichzeitig anstelle, springt die Sicherung raus, oder das Kabel wird heiß. Die Leitungen in vielen Straßen sind noch nicht stark genug.

ZEIT: Woran mangelt es?

Osterloh: Ein bisschen Förderung reicht nicht. Ich kaufe mir dann ein Elektroauto, wenn die Infrastruktur vorhanden ist. Die Leute sind ja total begeistert, wenn sie erst mal drinsitzen. Aber dann fragen die sich natürlich: Wo lade ich den denn auf? Einige Leute sind der Meinung, das Ladenetz ist Aufgabe der Autoindustrie. Aber wir waren bisher ja keine Mineralölgesellschaft und auch kein Energiekonzern. Da so locker zu sagen, die Ladeinfrastruktur könnt ihr ja machen, ist schon frech. Wir als Automobilindustrie investieren, bauen ein Schnellladenetz entlang der deutschen Autobahnen, aber andere müssen sich auch engagieren.

ZEIT: Was würden Sie sich von der Bundesregierung wünschen?

Osterloh: Ladesäulen bauen. Der Fahrzeugpreis wird die Leute nicht abschrecken, das E-Auto wird schon bald nicht viel teurer sein als ein vergleichbarer Verbrenner. Außerdem könnte die Regierung viele gesetzliche Hürden zum Bau der Ladesäulen endlich wegräumen. Zum Beispiel im Baurecht. Es kann doch nicht sein, dass zum Beispiel eine Eigentümergemeinschaft die Errichtung von Ladepunkten in der Tiefgarage verhindern darf.

ZEIT: Empfehlen Sie Ihren Nachbarn den Kauf eines Elektroautos?

Osterloh: Wer als Vertreter jeden Tag lange Strecken Autobahn fährt, dem würde ich das nicht empfehlen. Aber der Alltagsbetrieb der überwältigenden Mehrheit aller Pendler ist kein Problem für die nächste Elektroautogeneration ID, die wir ab Jahresende ausliefern.

ZEIT: Ist der zuständige Wirtschaftsminister Peter Altmaier zu zögerlich?

Osterloh: Die Umweltministerin Svenja Schulze würde sich sicher über eine bessere Koordination der Fachministerien freuen.

ZEIT: Altmaier würde sich freuen, wenn die deutschen Hersteller ein E-Auto bauen würden, das nur halb so sexy ist wie ein Tesla.

Osterloh: Ich kenne seinen Geschmack nicht, aber der Audi E-Tron oder der Porsche Taycan gefallen mir besser als ein Tesla.