Heimat ist eine Waffe. "Zumindest dann, wenn der Begriff für politische Ziele von jenen benutzt wird, die Blut und Boden und Stammesdenken antreibt", sagt Elsbeth Wallnöfer. Sie klopft mit der flachen Hand im Takt der Worte auf den Holztisch in ihrem Wiener Wohnzimmer. Seit Jahrzehnten treibt die Volkskundlerin und Philosophin der Begriff Heimat um, sie hat Bücher und Aufsätze über Brauchtum und Traditionen geschrieben und demaskiert regelmäßig die Heimattümelei. Dafür zieht sie Trachten aus den Vierzigerjahren an, zeigt auf, welche Traditionen auf die Nazis zurückgehen, und will den Deutschnationalen die Deutungshoheit darüber entreißen, was Brauchtum sei. Gerade ist im Haymon-Verlag wieder ein neues Buch von ihr erschienen: Heimat. Ein Vorschlag zur Güte.

Die Arbeit der 56-jährigen Südtirolerin ist rücksichtslos und setzt dort an, wo es vielen wehtut. Tobi Reiser etwa, der Volksmusikkomponist und Gründer des Salzburger Adventsingens, wurde lange verehrt, selbst ein Preis war nach ihm benannt. Was er zwischen 1938 und 1945 getrieben hatte, wurde wenig hinterfragt. Wallnöfer deckte seine Nazi-Vergangenheit auf. Der Preis wurde schließlich abgeschafft.

Immer wieder schrieb sie auch über Gertrud Pesendorfer, ab 1938 die "Reichsbeauftragte für das deutsche Trachtenwesen" und Leiterin der Mittelstelle Deutsche Tracht in Innsbruck. Pesendorfer schuf willkürlich Trachtenregionen, definierte das klassische Dirndl neu und lud es ideologisch auf. Aus dem Feiertagsgewand wurde ein Propagandakleid. "Das neue Bauerngeschlecht", schrieb sie, solle sich frei bewegen können. Die Bücher der Brauchtum-Ideologin sind noch immer Standardwerke, und Elsbeth Wallnöfer taucht bei Veranstaltungen oder Diskussionen in der von Pesendorfer entworfenen Vinschgauer Tracht auf – die es vor der Nazi-Zeit so nie gegeben hat. "Ich bekomme oft Komplimente für das Dirndl", sagt sie, "und dann erkläre ich, dass das ein Design aus dem Jahr 1942 ist."

Erzählungen wie diese sprudeln mit Südtiroler Akzent aus der kleinen, zierlichen Frau heraus. Ihre Geschichten sind gespickt mit Namen, sie zitiert wie nebenbei Kant und Heidegger oder verweist auf das neue Buch des amerikanischen Politologen Francis Fukuyama. Immer wieder lacht sie zwischendurch kurz. Ihre Wohnung in Wien-Josefstadt wirkt wie eine kleine, wohlgeordnete Wunderkammer. An der Wand hängen Art-brut-Werke neben amerikanischen Minimalisten und einer Votivgabe aus Mariazell, auf einer Kommode steht die Kettensäge vom Vater. Seit er sie umgebaut hat, wird sie von einem Waschmaschinenmotor angetrieben. Nur ein Kunstobjekt? "Nein, die geht", sagt Wallnöfer, "braucht man nur einstecken, läuft tipptopp."

Überhaupt: der Vater. Aufgewachsen ist Elsbeth Wallnöfer in Südtirol, im kleinen Ort Laas, der für seinen Marmor berühmt ist. Unter anderem die Pallas Athene vor dem österreichischen Parlament ist aus diesem Stein herausgeschlagen worden. Der Vater, Jahrgang 1918, gelernter Müller und später Arbeiter in dem Marmorwerk, meldete sich freiwillig zur Waffen-SS, kämpfte an der Südflanke von Stalingrad und kam schwer traumatisiert zurück. Jeden Abend setzte er sich fortan hin, schrieb das Erlebte auf, zeichnete Bilder und sammelte das alles in einem Buch. Elsbeth, einem von vier Kindern, erzählte er seine Geschichten und bläute ihr ein: "Solange du keinen Besitz hast, musst du Kommunisten wählen."

Die Frage nach Heimat, nach Identität stellte sich in Südtirol andauernd. Die Familie war weltoffen, die zwei Töchter mussten weder Dirndl noch Röcke tragen. Auch Italiener waren im sonst streng entlang der Sprachgrenzen geteilten Südtirol als Freunde willkommen, manche waren sogar mit ihnen liiert. So wie eine Tante mütterlicherseits, die im Vatikan mit einem Geistlichen lebte und für den italienischen Geheimdienst in einer Art Mata-Hari-Einsatz spionierte. "Sie war auf Norbert Burger (ein rechtsextremer österreichischer Politiker und Unterstützer der Südtiroler Terroristen, Anm. d. Red.) angesetzt und hatte wohl auch ein Pantscherl mit ihm", erzählt Wallnöfer. "Gleichzeitig hat sie aber auch für Österreich gearbeitet, es war alles ein wenig kompliziert."

In Wien studierte Wallnöfer Philosophie, später auch Volkskunde. Sie engagierte sich bei der Südtiroler Hochschülerschaft, solidarisierte sich mit den Kärntner Slowenen und besetzte mit ihnen 1987 die Parteizentrale der ÖVP. "Südtiroler waren in Wien beliebt, wir wurden exzellent gefördert, bekamen Fahrtkostenzuschüsse und alles Mögliche", erzählt Wallnöfer. "Doch die eigenen Leute, die Kärntner Slowenen, die haben nichts bekommen, denen wurden sogar die Minderheitenrechte beschnitten".

Das politische Engagement ist bis heute geblieben, Wissenschaft und Aktivismus gehen bei Elsbeth Wallnöfer oft Hand in Hand. Gemeinsam mit der Wiener Künstlerin Barbara Ungepflegt, die sich selbst zur "Heimatschmutzministerin" ernannt hat, bricht sie immer wieder zu mehr oder weniger skurrilen Aktionen auf und reist dazu sogar bis in das ferne Bukarest.