Ein nicht unbedeutendes Segment der modernen Romanliteratur handelt von Männern (Frauen finden sich hier kaum), deren Tagesbeschäftigung darin besteht, durch die Stadt zu laufen. Die Stadt kann Paris, Berlin oder Frankfurt heißen. Die Schriftsteller wiederum, die ihre männlichen Hauptfiguren von einer Straßenecke zur nächsten schicken, unterscheiden sich stilistisch wie biografisch oft erheblich. Aber gemeinsam ist den Romanen von Paul Nizon, Patrick Modiano oder dem kürzlich verstorbenen Wilhelm Genazino, um nur die renommiertesten Vertreter großstädtischer Wanderprosa zu nennen, der in einem Satz zusammenfassbare Inhalt: Ein Mann geht durch die Stadt.

Klingt wenig aufregend – ist es aber. Denn der urbanen Odyssee steht die Welt offen. Sie ist die zeitgemäße Grand Tour durch Räume und Milieus. Die Dramaturgie der Romane aber ähnelt in der Regel der von Stadtspaziergängen selbst: Scheinbar planlos, folgt sie doch einem geheimnisvollen Plan, und genau daraus entsteht auch der Sog des neuen Buches von Matthias Nawrat, Der traurige Gast. Es hat einen namenlosen Ich-Erzähler, einen Schriftsteller, der in einer Schreibkrise, infolge dessen auch in einer wirtschaftlich prekären Lage steckt und mit dem polnischstämmigen, 1979 in Ostpolen geborenen und 1989 mit seiner Familie nach Deutschland emigrierten Autor Matthias Nawrat weitgehend identisch sein dürfte. Es spielt in Berlin im Jahr 2016. Im Lauf der Handlung ereignet sich der Anschlag vom 19. Dezember 2016, bei dem ein islamistischer Terrorist einen Lkw in den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz lenkte, elf Menschen tötete und zahlreiche verletzte.

Aber die Zeit hat in diesem Roman einen doppelten Boden. Schon der erste Satz lenkt den Blick in ihre Vertikale: "Am dritten Sonntag im Januar fuhr ich von unserem Viertel aus mit der U-Bahn zur Hasenheide am Südstern, auf die andere Seite der Stadt". Man muss die Topografie Berlins ein wenig kennen, um hier hellhörig zu werden. Das Viertel, in dem der Ich-Erzähler mit seiner Frau lebt und von dem er regelmäßig aufbricht, ist Gesundbrunnen. Es gehört wie die Kreuzberger Hasenheide zum Westteil Berlins. Dazwischen liegt die Nord-Süd-Achse, die sich über die Straße des 17. Juni, Brandenburger Tor und Unter den Linden quer durch die gesamte Stadt zieht. Die Formulierung "andere Seite" evoziert jedoch unwillkürlich noch eine andere Achse, die der ehemaligen Ost-West-Teilung Berlins und damit die Zeit des Eisernen Vorhangs. Die Zeit, als man in beiden Teilen Berlins vom jeweiligen "Drüben" sprach.

Es ist ein unscheinbares, leicht überlesbares Signal. Aber es enthält bereits das Geheimnis, anders gesagt, den Kerngedanken von Nawrats neuem Roman: Im Raum der Stadt verwandeln sich Zeichen der Gegenwart in Spuren der Vergangenheit. Sie zu dechiffrieren ist das eigentliche Vorhaben des herumgehenden Erzählers.

Kein anderer Schriftsteller hat diese Poetik so konsequent angewandt wie der Franzose Patrick Modiano. In fast jedem seiner Romane geht ein Mann durch Paris. Und jeder seiner Flaneure ist ein detektivischer Historiker der NS-Zeit und der deutschen Besatzung von Paris.

Nun muss man Matthias Nawrat nicht gleich auf die Stufe eines Nobelpreisträgers heben, obwohl er sicherlich zu den interessantesten Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur zählt und Der traurige Gast völlig zu Recht auf der Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse steht. Aber sein Konzept ist dem Modianos geistesverwandt. Nur führen die Spuren, auf denen sich sein Berlin-Flaneur bewegt, in eine andere Richtung: in Nawrats Herkunftsland Polen und zu polnischen Migranten, die vor 1989 nach Berlin kamen.

Beobachten, zuhören, mitdenken, wiedergeben

Im Raum der Stadt verwandeln sich in Nawrats Roman die Zeichen der Gegenwart in Spuren der Vergangenheit. © Jelle van Leest/unsplash.com

Es gibt ein paar Längen in diesem Buch, ein paar verzichtbare politische Exkurse, die eher blass wirken neben den Passagen empfindsamer Wahrnehmung und ihrer durchweg originellen Beschreibung. Berlin-Romane, erst recht Berlin-Filme und Berlin-Serien gibt es in Hülle und Fülle. Die deutsche Hauptstadt, diese ewige Baustelle, mit einem unverbrauchten Blick zu sehen ist ein Kunststück, das Matthias Nawrat gelingt.

Mindestens so geglückt sind die Porträts und lebensgeschichtlichen Skizzen meist älterer Polen, die der Zufall dem Flaneur zutreibt. Am Südstern in Kreuzberg angekommen, steuert er das (real existierende) Restaurant Mały Książę an, wo sich nach der Sonntagsmesse die polnische Gemeinde trifft. Auf dem Tresen findet er die Visitenkarte einer Architektin namens Dorota Kamszer. Ein paar Tage und Stadtspaziergänge später besucht er sie in ihrer Wohnung im Stadtteil Schöneberg. Sie stammt wie er aus Opole. Eine Gemeinsamkeit, die ohne narrative Verrenkung die Tür öffnet zum historischen Gedächtnis. Fast beiläufig schildert Matthias Nawrat die Wohnung der alten Architektin als labyrinthisches, aus der Zeit gefallenes Museum und sie selbst als Wiedergängerin versunkener, bis zum frühen 20. Jahrhundert zurückreichender Epochen Mittel- und Osteuropas. "Die Architektin sprach leise und gewählt. Ihr Polnisch erinnerte mich an dasjenige, das ich von meiner Oma kannte, die aus Brzeżany stammte, einer Kleinstadt, die vor dem Zweiten Weltkrieg polnisch gewesen war, heute jedoch zur Ukraine gehört. Die musikalische Art und Weise, wie sie die Wörter miteinander verschmelzen ließ, weckte in mir die Vorstellung von uralten Potocki-Gräfinnen, von einer längst untergegangenen, aber im kulturellgenetischen Pool des alten Osteuropa noch präsenten Vergangenheit, die als Erinnerung fortdauerte."

Beobachten, zuhören, mitdenken, wiedergeben: Dem gleichsam Ethnografischen dieser erzählerischen Haltung verdankt Nawrats Roman eine enorme stoffliche Reichweite. Auf den Fersen des stromernden Schriftstellers gelangt der Leser in die Kassenschlange einer Lidl-Filiale und zu einer privaten Salonveranstaltung in Charlottenburg, ins Café des Hotels Savoy und zum Konsummonstrum des Gesundbrunnen-Centers. An einer Shell-Tankstelle, wo der Erzähler notgedrungen eine Halbtagsstelle annimmt, lernt er Dariusz kennen, der dort ebenfalls arbeitet. In der katastrophalen Lebensgeschichte des aus Lublin stammenden Chirurgen, der Anfang der Achtzigerjahre nach Deutschland auswanderte und sich im Elend des Alkoholismus verlor, verdichtet sich das Kernmotiv des Romans: migrantische Entwurzelung und Verlorenheit. Die Geschichte der traurigen Gäste, von denen er erzählt, führt tief ins 20. Jahrhundert. Aber sie ist kein abgelegtes Kapitel. Sie steht im Dialog mit der Geschichte der traurigen Gäste des 21. Jahrhunderts, den Flüchtlingen von heute.

Der Position des reflektierenden Beobachters, der durch die Stadt geht, an Orten und bei Menschen haltmacht und Spuren verfolgt, verdankt dieser Roman somit noch etwas anderes: literarische Moral. Ohne historische Simulation und Kulissengeschiebe, ohne sentimentale Schicksalseinfühlung und Reduzierung der Historie auf einen Plot bildet er Vergangenheit ab. Sein Ausgangspunkt ist immer die Gegenwart, sein Instrument eine genaue, im Ton gelassene Sprache.

Kein anderes Thema hat die Literaturkritik in den vergangenen Monaten so umgetrieben wie das Verhältnis von Fiktion und historischer Wahrheit. Da erscheint Der traurige Gast von Matthias Nawrat genau im richtigen Moment. Denn dieser Roman zeigt, wie das Verhältnis im besten Fall beschaffen sein kann.

Matthias Nawrat: "Der traurige Gast"; Rowohlt Verlag, Reinbek 2019; 304 S., 22,– €