Echte Männer, so versuchte sich die Büttenrednerin Annegret Kramp-Karrenbauer vorige Woche an einem Witz, gebe es nicht mehr, vor allem nicht in Berlin. "Da seht ihr doch die Latte-macchiato-Fraktion, die die ... gä... die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen." Viel Aufregung entbrannte um die Sätze; jetzt, wo sich das Kakaopulver langsam legt, bleibt von der hingestolperten Pointe vor allem ihre Gestrigkeit zurück. Auch in Genuss- und Stilfragen.

Hätte Kramp-Karrenbauer doch von der "Flat-White-Fraktion" gesprochen oder der "Neue-Lust-am-Filterkaffee-Fraktion"! Aber nein, es musste wieder der Latte macchiato sein, drei unschuldige Schichten, unten Milch, in der Mitte Espresso und oben der Schaum. Kaum ein Getränk wurde von Feuilletonisten und Zeitgeist-Profis derart in die Gesellschaftserklärungspflicht genommen.

Zum ersten Mal taucht es 1999 in der deutschen Presse auf, da schreibt das Magazin der Süddeutschen über Frauen, die Latte macchiato nur deshalb bestellten, "weil das Glas groß ist und sie es mit Fingern umgreifen können. Schön warm." Wenige Monate später führt die FAZ den Latte dann als Gentrifizierungsmetapher ein: "Die Altbausanierung greift um sich. Von der Friedrichstraße her rücken Sushi und Latte Macchiato vor", heißt es über Ostberlin. Im darauffolgenden Sommer schon gibt das Reisemagazin GEO Saison Tipps für ein "Wochenende in Mainz", man empfiehlt den Latte macchiato im dortigen Eiscafé Rizzelli. Es dauerte also kaum ein Jahr, da ist der Latte macchiato aus dem Nichts zum Bewusstseinszustandserklärungskaffee geworden und gleich wieder ins Nichts zurückgekehrt, nach Mainz. Man hätte es dabei belassen können. Denn rasch stellte sich heraus: Die stilbewussten Genießer, denen man das Getränk vorwarf, mochten es genauso wenig; es galt ihnen als Provinz- und Touristenkaffee, den "echte Italiener" höchstens ihren Stiefkindern zum Frühstück hinstellen.

Latte waren also immer die anderen. In der Verachtung für den Glaskaffee bestätigte sich ein ganzes Land gegenseitig in seiner Arroganz und Provinzialität, die man dem jeweils anderen vorwarf. Der Kulturkampf, der mit dem spöttischen Verweis auf Latte macchiato heraufbeschworen wird, verläuft gar nicht zwischen Eliten und Mittelschicht oder Stadt und Land; nein, jeder trägt ihn zu Hause einsam mit sich selbst aus. Und weil ein Kampfbegriff ohne jeden echten Gegner auf ewig verdammt ist, über die Diskurs-Schlachtfelder zu irren als untoter Wiedergänger, wird uns der Latte macchiato noch in Büttenreden begegnen, lange nachdem er selbst aus dem letzten Mainzer Eiscafé verschwunden ist.