Natürlich waren sich die Ermittler bewusst, welche Botschaft die grenzüberschreitende Razzia aussenden würde. Deshalb tauften sie ihre Ermittlungen vieldeutig Operation Aderlass: mit den Anfangsbuchstaben "A" für Austria und "D" für Deutschland. Das Ganze soll nicht nur als Gemeinschaftserfolg der österreichischen und deutschen Behörden wahrgenommen werden, sondern auch als doppeltes Signal an die internationale Dopingszene: Ihr kommt nicht davon, selbst wenn ihr Grenzen überschreitet.

Am 27. Februar bahnte sich gerade das Blut des Langläufers Max Hauke den Weg vom Beutel durch den Schlauch in die Ader seines Arms, als die österreichische Anti-Terror-Einheit Cobra um zehn Uhr die verriegelte Tür aufbrach und das Apartment Nr. 2 in der Villa Edeltraut zum See im Tiroler Ort Seefeld stürmte. Im Nachbarhotel beobachtete Dieter Csefan den Zugriff an einem Bildschirm; vier Stunden zuvor hatte der Beamte des österreichischen Bundeskriminalamts (BK) mit seinen Kollegen den Einsatz ein letztes Mal besprochen, nun verfolgte er die Aktion in dem temporären Hauptquartier der rund 120-köpfigen Einheit. Sekunden später gab Csefan auch den deutschen Kollegen in Thüringen das Signal, zuzugreifen.

Der Einsatz während der Nordischen Ski-WM ist der größte im Profisport seit den Olympischen Spielen in Turin vor 13 Jahren – und er hat die Sportwelt in einen Zustand des Schocks versetzt. Gleich fünf WM-Teilnehmer wurden in Seefeld festgenommen: die beiden österreichischen Langläufer Dominik Baldauf, 26, und Max Hauke, 26, dazu aus Estland Karel Tammjärv, 29, und Andreas Veerpalu, 24, sowie der Kasache Alexej Poltoranin, 31. Für eine leistungssteigernde Rundumbehandlung sollen sie zwischen 8000 und 15.000 Euro pro Jahr bezahlt haben.

In Seefeld wurden außerdem Ansgard Schmidt und eine Komplizin verhaftet. Gemeinsam sollen sie den Sportlern die Infusionen gelegt haben. Während Ansgard Schmidt den Beruf des Anwalts ausübte, soll die Komplizin in der Vergangenheit für den Arbeiter-Samariterbund gearbeitet haben. Der Sportmediziner Mark Schmidt, Sohn von Ansgard, soll der mutmaßliche Kopf des Netzwerkes sein. Er wurde mit einem weiteren Helfer in Erfurt festgenommen. Laut Ermittlungsbehörden hatte er geplant, erst am Sonntag zum Abschlussrennen der WM nach Seefeld zu fahren. Statt nach Österreich führte ihn die Reise nun in die Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim. Schmidt droht wegen des Verstoßes gegen das Anti-Doping-Gesetz eine Gefängnisstrafe von bis zu zehn Jahren. Laut seinem Anwalt kooperiert er "vollumfänglich" mit den Ermittlungsbehörden.

Die Operation Aderlass trifft die Sportwelt vor allem deshalb so unvermittelt, weil sie Einblick in eine Schattenwelt gewährt, die man vielleicht in Russland oder in China vermutet hätte – aber nicht hier, im schönen Seefeld und im braven Erfurt, mitten in Österreich und Deutschland. Das Blutdoping, die vielleicht perfideste aller Dopingvarianten, mit der Sportler sich zum richtigen Zeitpunkt an sich selbst berauschen, gibt es also immer noch, trotz aller Großverfahren rund um die Jahrtausendwende – das ist die erste Erkenntnis. Die zweite: Es stehen zum Teil dieselben Drahtzieher unter Verdacht, die früher schon aufgefallen waren, im Radsport und anderswo, Mark Schmidt zuvorderst, der Erfurter Arzt. Dritte Erkenntnis: Das kriminelle Netzwerk der Schwindler und Schummler betrifft nicht nur eine Sportart oder eine Nation, es agiert grenz- und disziplinübergreifend. Es könnte nur eine Frage der Zeit sein, bis neue Namen von Spitzensportlern bekannt werden, die sich bei Mark Schmidt haben hochspritzen lassen.

Fünf Tage nach dem Dopingbeben sitzt Einsatzleiter Csefan in Begleitung eines Kollegen vor einer Kugel Vanilleeis im Café Français in Wien. Seine Gesichtszüge sind weich, er sieht trotz des Arbeitspensums der vergangenen Wochen jünger aus als 41 Jahre, er spricht leise. Csefans Handy klingelt ununterbrochen. Er wirkt selbst noch ein wenig verwundert über das, was ihm und seinen Leuten in Zusammenarbeit mit der Münchner Staatsanwaltschaft und den Zollfahndern aus Lindau gelungen ist.

Vermutungen über den Betrug habe es schon lange gegeben, sagt er. Aber erst als der vor fünf Jahren des Dopings überführte österreichische Langläufer Johannes Dürr im Januar dieses Jahres auspackte, konnte der zuständige Staatsanwalt Kai Gräber von der Schwerpunktstaatsanwaltschaft Doping in München ein Ermittlungsverfahren einleiten. Die Münchner ersuchten Rechtshilfe bei den Kollegen aus Österreich. Operation Aderlass begann.