Es hätte keinen besseren Zeitpunkt für die Veröffentlichung dieses Buches geben können. Im Oktober 2017, als der Weinstein-Skandal den Hashtag #MeToo auslöste, erschien Down Girl auf Englisch. Geschrieben hat es Kate Manne, Assistenzprofessorin für Moral- und Sozialphilosophie an der Cornell University, die mit ihrer Monografie international Aufsehen erregte. Nun hat Suhrkamp das Buch auf Deutsch verlegt, und naturgemäß ist die Neugierde groß: Hilft Down Girl, das Geschlechterverhältnis mit seinen offenkundig nach wie vor existierenden Unwuchten tiefer, besser zu verstehen?

Das Buch beginnt vielversprechend. Die Autorin fragt sich, wie es sein kann, dass misogynes Denken auch im 21. Jahrhundert noch präsent ist. Zeigen will sie, welche stillschweigenden Ansprüche Männer an Frauen stellen und wie Frauen sich "von gefühlten falschen Verpflichtungen befreien" können. Noch heute trügen Männer tief in sich den Glauben, dass Frauen ihnen "auf dem Gebiet der Fürsorge, des Trostes, der Pflege oder der sexuellen, emotionalen und reproduktiven Arbeit" etwas schulden. Die Frau, so Manne, sei im männlichen Blick wesentlich "Gebende"; erfüllt sie diese Anforderung nicht, ja, fordert sie umgekehrt selbst, dass er sie stütze, werde sie zum Ziel misogyner Bemerkungen, gar Attacken. Eine Beobachtung, die zu ihren kulturellen Wurzeln zurückzuverfolgen durchaus erhellend sein könnte. Was man mithin erwartet, ist eine detailgenaue Freilegung einer althergebrachten, geschlechterdynamischen Psychologik, die sich in habituellen Praktiken mehr oder weniger subtil als allgemeine Gesetzmäßigkeit zeigt.

Um es direkt zu sagen: Down Girl wird dieser Erwartung nicht gerecht. Der erste Grund liegt in der fehlenden analytischen Schärfe des Buches. Nicht einmal ansatzweise versucht die Autorin die Vielschichtigkeit der Gegenwart zu sezieren, sondern spitzt ihre These schnell auf grandios unterkomplexe Weise zu. Misogynie diene dazu, "die Unterdrückung der Frauen durchzusetzen und zu überwachen und die männliche Herrschaft aufrechtzuerhalten". Entsprechend behauptet Manne durchweg eine nach wie vor existierende "patriarchale Ordnung", gegen die Frauen nicht verstoßen könnten, ohne dafür bestraft zu werden. Nun gibt es ganz gewiss immer noch Bereiche, in denen Männer dominieren. Dass aber das Patriarchat im rechtlichen Sinne vorbei ist und die Geschlechter vor dem Gesetz gleich sind; dass viele Unternehmen die Vorteile weiblicher Führungskräfte längst erkannt haben und auch zu Hause der Vater keineswegs mehr unhinterfragt als Alleinernährer am Kopfende des Tisches sitzt, sondern angesichts fortschreitender Emanzipation umgekehrt nicht selten eine eher klägliche Randexistenz fristet: All das spielt in Mannes Logik der Misogynie (so der Untertitel des Buches) keine Rolle.

Und wenn die Autorin doch einmal entgegengesetzte Positionen zu Wort kommen lässt, Stimmen also, die auf die Ambivalenzen der Zeit aufmerksam zu machen versuchen, werden diese direkt als "rechts und im Mainstream angesiedelt" etikettiert. Einer wirklichen Auseinandersetzung mit solchen Positionen geht Manne aus dem Wege, indem sie zum Beispiel schreibt: "Es wäre möglich, Punkt für Punkt auf die oben angeführten Behauptungen einzugehen – möglich, aber an dieser Stelle nicht sonderlich erhellend." Lernt man diese Art der Diskursverweigerung im Reich der analytischen feministischen Philosophie, wo Manne zu Hause ist?

Ein weiterer Grund dafür, dass Down Girl leider misslungen ist: Manne beansprucht, die "Logik der Misogynie" zu durchleuchten. Die geschichtliche Dimension des Phänomens spart sie dabei aber komplett aus, was sie unter anderem zu der völlig irrigen Annahme führt, Misogynie sei nicht mehr als ein intentional eingesetztes Werkzeug des Machterhalts. Mythische Erzählungen wie die der Pandora oder von Medusa, die biblische Engführung von Frau und Schlange in der Figur der Eva, die gerade in der Philosophiegeschichte (etwa bei Aristoteles) vorherrschende Vorstellung der Frau als verstümmelter Mann, Otto Weiningers Geschlecht und Charakter, jene für die Fortdauer der Misogynie so zentrale Schrift, die der österreichische Philosoph 1903 veröffentlichte – kein Wort davon bei Kate Manne. Ihr Interesse gilt einzig und allein der twittergeschwängerten Gegenwart und deren prominentesten Medienereignissen – und genau das macht ihre Analyse so oberflächlich, so dünn und letztlich leider unhaltbar. Wenn die Philosophin in unendlichen Wiederholungsschlaufen (irgendwie muss man die fast 500 Seiten ja füllen) und unter Bezugnahme auf den erwähnten Kurznachrichtendienst ausführt, Frauenverachtung beziehe sich nicht auf das weibliche Geschlecht an sich, sondern gelte lediglich jenen Frauen, die sich auf männliche Terrains vorwagen, dann ist das eine kläglich selbstbezogene, durch und durch geschichtsvergessene Behauptung.

Unbestritten sind Frauen im Feld einer immer noch männerdominierten Philosophie mit Misogynie konfrontiert. Und ja, auch bei der Niederlage Hillary Clintons gegen Donald Trump bei der Präsidentschaftswahl 2016 hat das Geschlecht eine Rolle gespielt (wenn auch nicht ausschließlich, wie Manne seitenlang behauptet). Aber damit sind die innersten Funktionsgesetze und vor allem die Gegenstandsbereiche der Frauenverachtung doch längst nicht hinreichend erschlossen. Werden wirklich nur jene Frauen verachtet, die mit patriarchalen Denk- und Handlungsmustern brechen? Hätte sich Manne nur einen Schritt aus ihrem akademischen Kokon herausgewagt, wäre ihr sogleich ins Auge gesprungen, dass die Misogynie sehr wohl und ganz grundlegend auf die Frau an sich abzielt. Nehmen wir die Pornografie, an die zu denken beim Titel Down Girl nicht ganz fernliegt. Zumal Manne an einer Stelle erklärt, dass der Umgang mit ihrer Hündin Panko sie zu der Formulierung inspiriert habe: Platz, Mädchen. Ein Befehl, den man, so führt sie aus, auch "sanft" sagen und "mit Freude und Zielstrebigkeit" befolgen könne. Nicht sehr weit hergeholt also, bei Down Girl an kniende Frauen mit großen, devot nach oben schauenden Hundeaugen zu denken, denen von Männern qua Phallus der Mund gestopft wird. Pornodarstellerinnen wagen sich nicht in männliches Terrain vor. Sie brechen keine patriarchalen Gesetze. Und doch zeigen sich in diesem Genre, das täglich von Millionen Menschen konsumiert wird, misogyne Muster par excellence. Das pornografische Szenario ist Ausdruck eines, um Jacques Lacan zu zitieren, ins "Komödienhafte" projizierten Geschlechterverhältnisses, das um die Angst vor der weiblichen Sexualität kreist.

Anstatt die kulturhistorischen Ursprünge einer zweifellos noch heute existenten Frauenverachtung und deren ganz alltägliche Erscheinungsformen zu analysieren, präsentiert Manne prominente Extremfälle: Ausufernd schildert sie Gewaltexzesse wie den Amoklauf von Isla Vista aus dem Jahr 2014, bei dem der damals 22-jährige Elliot Rodger sechs Menschen in der Nähe des Campus der University of California tötete (wobei allerdings umstritten ist, ob es sich überhaupt um einen Fall von Misogynie handelte, da mehr Männer als Frauen ums Leben kamen). Ebenfalls ausführlich werden die von Ex-Frau Ivana geäußerten (und dann wieder zurückgenommenen) Vergewaltigungsvorwürfe gegen Donald Trump dargestellt. Dabei will die Philosophin ja eigentlich zeigen, dass Misogynie gerade kein Phänomen einzelner Psychopathen, sondern eine "Logik" ist, mithin Allgemeinheit beansprucht. Vollkommen abstrus aber wird es, wenn sich Manne gegen Ende des Buches gegen Feministinnen wie Wendy Brown wendet, die behaupten, das Festhalten der Frau am Opferstatus schreibe diesen fest und sei letztlich ein Eigentor. Nein, so Manne: Vielmehr liege der subversive Akt gerade darin, das Opfer zu "spielen". Auch hier dient als Beispiel die von ihr tief verehrte Hillary Clinton, die nach der Praktikantinnenaffäre ihres Mannes im Oval Office das entstandene Mitgefühl nutzte, um ihre Karriere zu starten. Schon klar, woher der Spiel-Gedanke kommt: Die Postfeministin Judith Butler hatte in ihrem wirkmächtigen Buch Gender Trouble (1990) die spielerische Travestie als subversive Geste beschrieben, durch die Geschlechtsidentität als konstruiert entlarvt wird. Allein: Das Opfersein lebt nun einmal von seiner Wahrhaftigkeit. Ein Opferstatus, der nur gespielt, aus dem gar Kapital geschlagen wird, hebt sich selbst auf, verkommt zum Fake.

Das Buch ist eine vertane Chance, denn mit dem Konzept Misogynie hätte man doch eine Gegenwart erfassen können, die immer noch durchwirkt ist von Phantasmen der Vergangenheit. Interessant ist Down Girl lediglich insofern, als es fundamentale Mängel des zeitgenössischen feministischen Diskurses wie auch der Debattenkultur insgesamt glasklar vor Augen führt. 

Kate Manne: "Down Girl. Die Logik der Misogynie"; aus dem Englischen von Ulrike Bischoff; Suhrkamp Verlag, Berlin 2019; 500 S., 32,– €