Okay, wir haben verstanden: Das Volk will mehr! Mehr E-Government, mehr E-Voting, mehr E-Irgendwas. Hauptsache digital. So steht es in der neuen nationalen E-Government-Studie. 90 Seiten dick ist die PR-Schrift, die das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) am vergangenen Dienstag veröffentlichte. Viel Papier, um zu einem Ergebnis zu kommen, das bereits im Vorhinein klar war. Es lautet, oh Überraschung: "E-Government-Angebot ist auszubauen".

Nein, gegen eine repräsentative Meinungsumfrage ist nichts einzuwenden. Nein, an der Professionalität der Firma Demoscope, welche die Studie verfasst hat, gibt es nichts zu zweifeln. Aber wer derart suggestive Fragen stellt beziehungsweise stellen lässt, Fragen, die nicht einmal versuchen, zu vertuschen, was die erwünschten Antworten sind, der ist entweder schamlos – oder verzweifelt.

Dabei geht es bei den elektronischen Behördenleistungen nicht um ein Nebengeschäft der Bundesverwaltung, sondern um deren Wesenskern. Es geht um die Frage, welches Verhältnis der Staat zu seinen Bürgern pflegt und, im Fall von E-Voting, wie er sie an den direktdemokratischen Entscheidungsfindungen teilhaben lässt.

Bis heute ist nicht klar, welches Problem mit dem E-Voting überhaupt gelöst werden soll (ZEIT Nr. 10/19). Der argumentative Evergreen lautet: E-Voting erhöht die Stimmbeteiligung. "Knapp die Hälfte der Befragten gibt an, dass sie häufiger an Wahlen und Abstimmungen teilnehmen würden, wenn sie dies elektronisch erledigen könnten", heißt es in der Seco-Studie. Dabei zeigte bereits 2016 eine Untersuchung des Zentrums für Demokratie Aarau: "Rund ein Drittel derer, die angaben, bestimmt häufiger teilnehmen zu wollen, gehört zu jenen, die ohnehin schon bei allen Urnengängen teilnehmen."

Die Digitalisierung und ihre Folgen werden die Schweiz in den kommenden Jahren stark verändern. Das gilt auch für das Verhältnis von Bürger und Staat. Doch anstatt einer seriösen, öffentlichen Auseinandersetzung mit den Vor- und Nachteilen einer elektronischen Stimmabgabe, die zahlreiche IT-Fachleute als unsicher taxieren und deshalb ein E-Voting-Moratorium fordern, betreibt die Bundesverwaltung Werbung in eigener E-Sache. Und argumentiert mit Angebot und Nachfrage. Ganz nach dem Dorfmetzger-Motto: "Dörfs äs bitzeli meh si?"