Das Objekt der Begierde: Sir Henry Raeburns Gemälde "The Reverend Robert Walker Skating on Duddingston Loch" © Abb: Sir Henry Raeburn "Skating on Duddingston Loch", 1795

Ich schwärme für einen schottischen Pfarrer. Er ist schlank, elegant, sportlich, kulturell interessiert, 230 Jahre alt und Presbyterianer. Wir könnten vermutlich nicht über dieselben Witze lachen, aber etwas am Auftritt des Reverend Robert Walker scheint mir darauf hinzudeuten, dass er nicht zur allerstrengsten Sorte gehört. Obwohl er nie zurückschaut, seit über 20 Jahren nicht, treffe ich jedes Mal auf ihn, wenn ich in Edinburgh bin.

Bekanntlich befördert ja nicht allein ein toller Typ, sondern vor allem eine beharrliche Distanz die nie erlöschende Begeisterung. Zu Hause erinnern mich eine Teetasse, ein Kugelschreiber, in dem Walkers winzige Gestalt in einer Flüssigkeit hin und her gleitet, eine gerahmte Plastiktüte und ein Wollschal mit seinem Abbild an meinen Star in Edinburgh.

Mit dem Flugzeug könnte ich in zwei Stunden bei ihm sein, aber eine Zugfahrt scheint mir als Annäherung an einen Mann des 18. Jahrhunderts passender. Von Frankfurt geht es nach Brüssel und weiter durch den Kanaltunnel zunächst bis London. Endstation für den Eurostar ist die ziegelrote neugotische Eisenbahnkathedrale von St. Pancras. Sie stammt zwar nicht aus Walkers Jahrhundert, aber ihre Pracht und Würde vermitteln der Reisenden – anders als ein Flughafen – das Gefühl, dass sie als abenteuerlustiges Individuum und nicht als sich selbst abfertigende Fracht unterwegs ist. Von St. Pancras sind es nur ein paar Minuten zur Euston Station, wo die Züge nach Norden abfahren.

Auf der Euston Road bin ich gleich vom abendlichen London umfangen. Lichtspiegelungen auf regennassem Pflaster; das Gegacker der Fußgängerampeln. Mein leichtes Gepäck passt unter einen Imbisstresen am Fenster, vor dem sich Busse vorbeischieben wie Schränke, schwarze Taxis, Passanten. Reis und Curry vom Porzellanteller schmecken festlich nach dem Mampf im Bordbistro. Von Walkers Jahrhundert lernen heißt Wegzehrung mitnehmen.

"Die Reise von London nach Edinburgh ist die einfachste Sache der Welt", schrieb der schottische Verleger John Blackwood vor 150 Jahren an einen Freund. "400 Meilen in nur neun Stunden." Mr. Blackwood nahm den Morgenzug und "fegte mit dem Flying Scotsman um Glock sieben nach Edinburgh hinein: Princes Street und die Burg, herrlich anzusehen im Sonnenuntergang!" Ich besteige Glock 23.20 den bereitstehenden Nachtzug, um acht Stunden später bei Sonnenaufgang Walkers Wirkungsstätte zu erreichen.

Der Caledonian Sleeper, einer der letzten Nachtzüge der Britischen Insel. © Robert France/Alamy/mauritius images

Der Caledonian Sleeper ist einer der letzten Schlafwagenzüge auf der Britischen Insel. Er ist durchaus charmant, reinlich, bequem, ein ganz klein wenig abgeschabt, erfüllt vom Zerren und Quietschen der Waggon-Durchgänge und durchweht von altem Eisenbahngeruch. Die Jalousie über dem Waschbecken klemmt; der Kaltwasserhahn tröpfelt, aus dem anderen sprotzt es nach britischer Tradition kochend heiß.

Weil das Rollo oben bleibt, fällt der Blick lange auf den menschenleeren, im Neonschein wie gewienerten Bahnsteig von Euston, ein Andachtsbild, aus dem tiefe Ruhe spricht, abklingendes Reisefieber und Vertrauen in die British Rail. Zu Mitternacht zieht der Caledonian Sleeper sacht und schläfrig aus London hinaus, wiegt sich und mich über die schwarzen Midlands, durch den gelben Lampenschein von Preston und Carlisle und über die schottische Heide mit fein getuschten Baumsilhouetten hinein in die blaue Morgendämmerung.

Frühstück kommt in einer Tüte an die Tür. Da kein Speisewagen mitfährt, entfällt auch die Bestellung eines Highland Breakfast (Würstchen, Schinken, Blutwurst, Kartoffel, Kirschtomate, Pilze, wahlweise Räucherlachs und Rührei). Es gibt einen Muffin, einen Joghurt und einen Becher Tee. Aber ich fahre ja nicht zur Hirschjagd, sondern zu Mr. Walker.

Der Zug rauscht durch den grünen Graben der Princes Street Gardens in den Tiefbahnhof Waverley. In der Scottish National Gallery läuft sich der Reverend bereits warm. Ich komme! Ein Sonnenstrahl beglänzt die Burg. Edinburgh funkelt in der Morgenfrische. Zu Walkers Zeiten war sie "Auld Reekie", die alte Räucherkammer, mit zusammengepferchten hohen Häusern auf dem Burgberg und Ruß aus tausend Schloten; zugleich das "Athen des Nordens", wie es die New Town jenseits des Grabens widerspiegelt: klassische Architektur aus einem Guss, sinnreiches Straßenraster, Gärten und große Plätze.