Wer beim Sportwagenbauer Porsche die Zukunft entdecken möchte, kommt an der Gegenwart nicht vorbei. Dutzende herkömmliche V8-Benzinmotoren stehen in Halle 3 im Stammwerk Zuffenhausen zur Abholung und weiteren Montage bereit. Doch nur einige Schritte weiter sind plötzlich keine Zylinder und Kolben mehr zu sehen, sondern nur ein rechteckiger Metallblock, in den millimetergenau ein drehbarer Rotor passt. So sieht das Herz der Auto-Zukunft aus. Der Elektromotor.

Wenn sich der Rotor in den rechteckigen Stator fügt, spricht Gregor Michna, 38, feierlich von einer "Hochzeit". Doch auf die haben sich hier anfangs nur wenige gefreut. Vor vier Jahren, da wurde Michna, der heute Planungsleiter der E-Motoren-Fertigung ist, sogar zu Hause von seinen Nachbarn belächelt. "Warum verlässt du die Verbrennerwelt?", haben sie ihn gefragt.

Und heute? Da erzählt Michna stolz, wie Porsche als erster Serienhersteller eine 800-Volt-Batterie in die nächste Sportwagengeneration einbauen wird. "Doppelt so leistungsfähig wie die von Tesla." Schon im Herbst soll der erste E-Sportwagen, der Taycan, in Serie gehen. Von 0 auf 100 in 3,5 Sekunden. 500 Kilometer Reichweite. "Der Wagen ist absolut rennstreckentauglich", sagt Michna. Doch das Auto ist nicht nur ein Rennwagen. Es ist auch eine Sechs-Milliarden-Euro-Wette auf die Zukunft. So viel investiert Porsche bis 2022 in das Elektro-Abenteuer, was sinnbildlich ist für Deutschlands Automobilindustrie im Jahr vier der Dieselkrise.

Elektromobilität - VW will in zehn Jahren 22 Millionen E-Autos bauen Nach dem Dieselskandal richtet sich Volkswagen neu aus und will Vorreiter bei der Elektromobilität werden. Der VW-Betriebsrat fürchtet einen Stellenabbau. © Foto: Christophe Gateau/dpa

Während weiterhin täglich Nachrichten aus der Vergangenheit die Autobauer erschüttern, Kunden mit wachsenden Erfolgsaussichten gegen Volkswagen klagen und neue Millionenstrafen gegen Daimler drohen, erfindet sich Deutschlands wichtigste Industrie schon neu.

Auf dem Genfer Auto-Salon in dieser Woche drohte akuter Strommangel, vor allem weil die deutschen Hersteller all ihre neuen Elektroautos präsentieren wollen. Darüber hinaus treiben sie die Entwicklung von Antrieben der ferneren Zukunft wie Wasserstoff voran, vernetzen ihre Fahrzeuge, führen beim Carsharing und holen bei den digitalen Dienstleistungen auf.

Tatsächlich ist denkbar, wenn auch keineswegs sicher, dass die Deutschen auch die nächste Runde im globalen Wettbewerb rund ums Auto gewinnen. Und so verrückt es klingt: Die ökologisch-digitale Erneuerung Deutschlands könnte bald nicht gegen die Autoindustrie kommen, sondern wegen ihr.

Bis Ende 2019 steckt die deutsche Autoindustrie 40 Milliarden Euro in E-Autos

"Ich hätte es im Jahr 2015 nicht für möglich gehalten, dass sich diese Branche so schnell so radikal wandelt", sagt Bernhard Mattes. Dann rechnet der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie vor: In den nächsten drei Jahren steckten seine Mitglieder rund 40 Milliarden Euro in die Elektromobilität. "Weltweit kommt jedes dritte Patent im Bereich Elektroantrieb und Hybridantrieb aus Deutschland", sagt Mattes.

Aus der Grundlagenforschung entstehen konkrete Produkte. Porsches Mutterkonzern Volkswagen bringt Ende des Jahres den ID. heraus, ein Auto, das – so die Wolfsburger Hoffnung – so bekannt und erfolgreich werden soll wie der Käfer und der Golf. Daimler baut in seine Smarts ab nächstem Jahr nur noch Elektromotoren, und BMW will allein im Werk Dingolfing 2000 Stellen für die Produktion von Elektromotoren schaffen.