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Der Politologe Alexander Clarkson forscht über Deutschland und Europa am King's College in London.

Der Kollaps der Europäischen Union ist in den vergangenen Jahren immer wieder prophezeit worden. Finanzkrise, Migrationskrise, Populismuskrise, Brexitkrise: lauter Herausforderungen, zu deren Bewältigung die EU angeblich nicht imstande sein sollte. Gleichzeitig erleben wir, dass die Union es durchaus versteht, ihre Interessen zu definieren und zu verteidigen; das geschlossene, entschiedene Auftreten gegenüber Großbritannien ist das jüngste Beispiel. Wie erklärt sich diese merkwürdige Diskrepanz zwischen dem Bild einer schwachen, fragilen Gemeinschaft und ihrer oft viel robusteren Realität? Der Widerspruch hat wesentlich mit einer irreführenden Vorstellung davon zu tun, was die Europäische Union eigentlich ausmacht, worin ihr Daseinszweck, ihre hauptsächliche Funktion und Aufgabe besteht.

Die EU wird nämlich immer noch in erster Linie als Friedensprojekt, als Reaktion auf die Verheerungen des Zweiten Weltkriegs verstanden. Das hat beträchtliche Folgen dafür, wie die Prüfungen und Belastungsproben rund um die europäische Integration wahrgenommen werden. Vor allem in der englischsprachigen Welt haben die Medien nicht vorhergesehen, wie die Union und ihre Mitgliedsstaaten auf die Krisen reagieren würden, die Europa ab 2008 erschüttert haben. Eine EU, die als idealistischer "Traum" und nicht als konkrete geopolitische Realität galt, schien ungeeignet für harte Entscheidungen zu sein: unfähig, die Gemeinschaftswährung zu stabilisieren, einem zunehmend aggressiven Russland entgegenzutreten oder die europäischen Außengrenzen zu sichern. Zugleich hat die "versöhnungspolitische" Perspektive den Blick darauf verstellt, dass Konflikte innerhalb der EU nicht notwendig zerstörerisch sein müssen. Sie können auch produktiv sein, das Gefahrenbewusstsein schärfen und die Schaffung neuer Instrumente für die Zukunftsgestaltung anregen. Um die Europäische Union von heute und morgen zu verstehen, muss man sich vom rückwärtsgewandten Paradigma der Weltkriegsbewältigung lösen.

Die Darstellung der EU als Friedensprojekt basiert auf einer Fehlinterpretation des institutionellen Antriebs, der die europäische Integration am Laufen hält. Natürlich ist es ein wesentlicher Bestandteil der EU-Identität, den Frieden in Europa zu bewahren – aber es ist mehr ein Mittel zum Zweck als ein eigenständiger Zweck. Wirft man einen genaueren Blick auf die Debatten, die während der vergangenen fünf Jahrzehnte zur Zukunft Europas geführt wurden, so sieht man, dass die Friedenssicherung zwar eine wichtige Rolle spielt. Aber es ist auch immer wieder von der Notwendigkeit die Rede, den Fortbestand einer (nur lose definierten) europäischen soziokulturellen Ordnung zu gewährleisten. Seit dem Zweiten Weltkrieg ging es darum, Europas Überleben als einheitliche Gesellschaft in einer Welt zu sichern, die von globalen Wirtschaftskräften und Großmächten wie der Sowjetunion, den USA oder China geprägt wurde. Ob bei der deutsch-französischen Versöhnung, die Charles de Gaulle und Konrad Adenauer bis Mitte der 1960er-Jahre betrieben, bei den Sorgen, die Helmut Kohl und der spanische Ministerpräsident Felipe González Ende der 1980er-Jahre zu Europas wirtschaftlicher Konkurrenzfähigkeit äußerten, oder bei den intensiven Debatten, die in unserem Jahrzehnt um die Krise der Euro-Zone geführt wurden – bei jedem Schritt, der hin zu einer immer enger geknüpften Union führte, war man sich bewusst, dass die europäische Integration eine Überlebensfrage ist. Die Angst, Europa könnte gegenüber unberechenbaren Rivalen und unzuverlässigen Verbündeten verletzlich sein, sitzt tief. Sie hat die Bereitschaft hervorgebracht, Souveränität zu teilen und gemeinsam Macht zu projizieren. Dieser Prozess hat einen Grad erreicht, der weit über die Gewährleistung von dauerhaftem Frieden in Europa hinausgeht. Möglicherweise hätten die kollektiven Sicherheitsgarantien der Nato und die Konfliktlösungsmechanismen der OSZE ausgereicht, um neue militärische Konflikte innerhalb Europas zu verhindern. Aber keine der von den USA dominierten Organisationen könnte einzelnen europäischen Staaten die Chance verschaffen, ihre strategischen Interessen gegen viel größere globale Mächte zu wahren.

Die Mitgliedsstaaten der Gemeinschaft, die heute die EU ist, haben supranationale Institutionen eingerichtet, um eine verbindende europäische Gesellschaftsordnung zu schützen. Dabei sind sie über die Grenzen einer multinationalen Organisation zur Sicherung des internen Friedens hinausgegangen. Sie entwickeln mittlerweile eine staatsartige Struktur, die zum Schutz gemeinsamer strategischer Interessen Macht projizieren kann, etwa durch die gemeinsame Handelspolitik. Das Verlangen größerer europäischer Staaten, mit globalen Konkurrenten Schritt halten zu können, fließt dabei mit den Bedürfnissen kleinerer Staaten zusammen. Letztere nutzen gemeinsame Institutionen, um mächtigere Nachbarn, die sonst auf sie wenig Rücksicht nehmen würden, im Zaum zu halten.

Nachdem es in Algerien in eine Sackgasse geraten war und in Indochina eine Niederlage kassiert hatte, sah 1957 sogar Frankreich ein, dass es zum Schutz seiner strategischen Interessen auf gemeinsame Ressourcen zurückgreifen musste, die die Kapazitäten eines einzelnen europäischen Nationalstaats überstiegen. Ähnlich nach dem Rückzug und Zerfall der Sowjetunion: Das wiedervereinigte Deutschland und andere Staaten in Mittel- und Osteuropa machten sich für eine weitere europäische Integration stark. Es ging ihnen dabei nicht nur darum, den inneren Frieden in Europa zu wahren. Das Ziel war auch, sich durch die geballte Macht der europäischen Institutionen gegen Bedrohungen von außen zu schützen.