Es ist der entscheidende Moment. Wenn alles fertig aufgebaut ist in der Maastrichter Messehalle, macht sich unter den Ausstellern das große Zittern breit.

Die Jury naht, eine 189-köpfige Kommission von Fachleuten, die jeden Stand unter die Lupe nimmt, bevor sich die Tore öffnen. Weil The European Fine Art Fair, kurz Tefaf, sich rühmt, die Qualitäts-Kunsthandelsmesse der Branche zu sein, hat sie einen Ruf zu verlieren. Mit der Prüfung, dem "Vetting", soll dafür gesorgt werden, dass die Messe das hohe Ansehen wahrt.

Nichts ist sicher vor den Prüfern. Es geht um Echtheit und um Werte. Mit der Taschenlampe betrachten sie die Rückseite samtig leuchtender alter Meister, öffnen auf Hochglanz polierte antike Schränke und Kommoden, klopfen an Meißner Porzellanfiguren, untersuchen Stempel auf altem Silber, halten Vintage-Prints ans Licht, stellen Fragen, und die Händler müssen Auskunft geben. Heftige Diskussionen sind nicht selten die Folge – um das Alter, die Künstler, die Herkunft eines Werks. Es kann dann passieren, dass ein Stück von den Juroren mit hochgezogenen Augenbrauen "ausjuriert", also ausgemustert wird. Solche Exponate verschwinden umgehend in einer "Kammer des Schreckens". Dort bleiben sie für die Dauer der Messe unter Verschluss, damit sie nicht heimlich wieder herausgeholt und doch gezeigt werden können.

"Nach dem Rundgang der Jury liegen immer ein paar Bomben herum", verrät ein Aussteller, und Peter Mühlbauer, ein deutscher Händler für antike Möbel und Gemälde, bekennt: "Es ist ein großer Druck. Wer das verneint ...", und lässt den Satz lieber unvollständig.

Für die Maastrichter Tefaf verwandelt sich eine Messehalle dank der Maskerade durch ein Blütenmeer, Wandbespannungen und eine ausgeklügelte Lichtregie zwölf Tage lang in eine Art Palazzo der Schönheit. Außen Blech, innen Opulenz. Darüber gerät leicht aus dem Blick, dass es hier um knallharte Geschäfte geht. Das Publikum erwartet spektakuläre Kunst für 40 Euro Eintritt. Die Händler wollen Deals machen, und die Messeleitung will glänzend verdienen. Klingt unvereinbar? Irgendwie funktioniert es.

Wer ausstellen möchte, muss nicht nur erstklassige Ware mitbringen, sondern 20.000 Euro bezahlen – als Einstandsgebühr. Standmiete und Ausstattung kosten extra. Außerdem hat sich jeder Aussteller im Vorfeld dem Prüfverfahren der Messeleitung zu unterwerfen: womit er handelt, welche Spitzenstücke er bereits an bedeutende Sammler oder Museen verkaufen konnte, dazu Angaben über Geschäftsvolumina et cetera. Ist das abgehakt, beginnt der eigentliche Countdown.

Wie auf jeder Messe gibt es Eins-a-Lagen für einen Stand und weniger begehrte Ecken, abseits der Rennstrecken. Das heimliche Gerangel um einen guten Platz wurde diesmal besonders leidenschaftlich inszeniert – die Messeleitung verbannte einige Aussteller weiter nach hinten in den Hallen, um gleich am Eingang mit einem Objekt zeitgenössischer Kunst auftrumpfen zu können. "Inzwischen wird größerer Wert auf die Qualität der Aussteller gelegt", stellt die Frankfurter Ausstellerin Petra Rumbler fest. "Einige Leute mussten das Feld räumen, weil deren Präsentation nicht reicht. Auch für Händler, die zu den Gründungsmitgliedern der Tefaf zählen, gibt es keinen Freipass."

Ihre Kunsthandlung H. H. Rumbler, spezialisiert auf hochklassige Druckgrafik alter Meister, ist seit 30 Jahren in Maastricht vertreten. Seit vier Jahren besetzt Rumbler den gleichen Stand, an einem der begehrten Plätze im Erdgeschoss. Schon im November hatte sie einen sogenannten Floorplan abzugeben, der die Einrichtung des Standes wiedergibt: Welche Stellwände, wohin soll der Eingang, wohin der abschließbare Stellraum, wo wird Licht gebraucht? "Fehlt gerade noch, dass die Marke der Kaffeemaschine abgefragt wird", brummt einer ihrer Kollegen.