Eine gemeine Faustregel besagt: Alles, was gut läuft in einem Land, das hat "unsere tolle Regierung" auf die Beine gestellt. Und an allem, was schiefgeht, ist Brüssel schuld, der Moloch, das Monster, das Schwarze Loch. Die Europäische Union macht das Schöne hässlich und das Einfache kompliziert. Sogar unschuldigen Bananen schreibt sie vor, wie krumm sie von Natur aus sein dürfen. Europa: Das ist die Vorhölle aus Kleinkrieg und Dauerstreit. Nur für Steuerhinterzieher ist es ein Paradies.

Wie kann man jungen Menschen Europa und die EU noch einmal neu erklären? Soll man Helene Fischer fragen? Soll man Framing betreiben, also einfach netter über Europa reden und zum Beispiel behaupten, dass die EU kein Monster ist, sondern bloß ein Problembär?

Nein, die Autorin Susan Schädlich und die Illustratorin Gesine Grotrian verfolgen eine andere Idee. Sie preisen nicht. Sie rühmen nicht. Sie wollen den jungen Leser nirgendwo "abholen" und ihm die Idee von Europa andrehen wie eine Heizdecke auf einer Kaffeefahrt. Ihr Buch beantwortet stattdessen Fragen, genauer gesagt: 60 Fragen, die Grotrian und Schädlich im Gespräch mit Jugendlichen entwickelt haben. Und die sie dann mit vielen Experten diskutiert haben, um Antworten zu finden.

Dabei verfahren die beiden leidenschaftlich sachlich, mitunter auch aufreizend lapidar. Ihre Ausgangsidee lautet: Wir machen keine Reklame. Wir sind weder Erzieher noch Gedankenwächter. Wir wollen Europa weder über den grünen Klee loben, noch wollen wir es schlechtreden, denn der Leser soll selbst entscheiden, wie er den Kontinent findet. Wir zeigen, was es alles schon gibt. Und vielleicht denkt der Leser am Ende, dass es die europäische Gemeinschaft, die nicht nur die Mitglieder der EU meint, in all ihren Krisen ganz schön weit gebracht hat. Und dass es ziemlich verrückt wäre, dieses unfertige Haus wieder abzureißen.

Fragen an Europa ist grafisch hervorragend gemacht, das Buch besteht im Hauptteil aus Infografiken in unterschiedlicher Gestalt: Comics, Skizzen, Piktogramme, Illustrationen und Tabellen wechseln einander ab. Das alles ist eine kühl kolorierte Augenweide, optisch perfekt gestaltet und ungemein plastisch. Über zu viel Text oder gar Bleiwüsten wird sich niemand beschweren können, denn die notwendigen Erläuterungen finden sich erst im hinteren Teil des Buches.

Dass Wichtiges neben (scheinbar) Unwichtigem steht, ist Absicht, mehr noch: Es ist das Kompositionsprinzip des Buches. Auf Schautafeln erfährt das Publikum, welche Sprachenvielfalt in Europa herrscht (von aarde bis terra für Erde ), wo es noch echten Urwald gibt (im polnischen Białowieża), wer wie viel Geld für Kleidung ausgibt (Estländer sieben, Isländer drei und Deutsche knapp fünf Prozent des verfügbaren Einkommens) und welche Haustiere in welchem Land besonders beliebt sind. Man erfährt, wer zur Fortbildung gern ins Ausland wechselt (die Spanier haben die Nase vorn) und wo der Schokoladenverzehr am höchsten ist: Zehn Kilogramm sind es in der Schweiz, nur ein Kilo ist es im verarmten Griechenland. Wer die Tabellen vergleicht, wird feststellen, dass die (angeblich messbaren) Glücksgefühle der Bürger mit der Höhe ihres Schokoladenkonsums korrelieren. Liegt’s an den Leckereien? Nein, die Forscher haben herausgefunden, dass die Zufriedenheit – wen wundert’s! – dort am höchsten ist, wo die Wirtschaft brummt und die Zukunftsangst gering ist. Was ihren gewaltigen Wohlstand angeht, leben die Europäer statistisch gesehen in der besten aller Welten. Aber der Wohlstand ist gewaltig ungleich verteilt.