Einmal zeigt Fragen an Europa, wie viele Nutztiere auf dem Kontinent gehalten werden, und man ahnt, dass die allermeisten davon zur Hebung von Glücksgefühlen an das gefräßige Menschenwesen verfüttert werden. Smartiesbunt sind die dazugehörigen Grafiken, doch wer sich die Zahlen genau anschaut, den schaudert es.

Eine andere Grafik ist in Schwarz-Weiß gehalten und präsentiert die metallischen Silhouetten von Panzern, Hubschraubern und Schnellbooten, kurz: das riesige Arsenal aus Hightech-Gerätschaften und elektronischen Argusaugen, mit denen Europa seine Grenzen bewacht und sich das Elend der Welt vom Leib hält. Dazu diese Notiz: "Mindestens 13.000 Menschen sind zwischen 2014 und 2017 im Mittelmeer verschwunden oder ertrunken." Und wer weiterblättert, der bekommt eine Antwort auf die Frage, in welchen Weltteilen europäische Staaten sich als Kolonialherren aufspielten. Die Antwort? Fast überall, nur in der Antarktis nicht. Am Rande dann diese Information: "In den Niederlanden werden mehr Artikel für die Wikipedia geschrieben als in ganz Afrika." Eine Petitesse? Natürlich. Doch was sagt dies über das Weltbild der digitalen Wissenssammlung? Wie eurozentrisch ist es eigentlich?

Es ist erstaunlich, wie viele Gedanken, wie viel inneren Text diese Comics und Piktogramme freisetzen. Großartig ist die pathetische Nüchternheit, mit der die europäische Grundrechte-Charta abgedruckt wird, übrigens eine lehrreiche Unterrichtung auch für erwachsene Menschen, die vergessen haben, wie man die Wörter Freiheit und Fortschritt buchstabiert und worin das humanistische Erbe Europas überhaupt besteht. Unangemessen wirken die Infografiken nur dort, wo das Buch an tiefe geschichtliche Wunden erinnert, an undarstellbares Leid, an die Verheerungen der Weltkriege. Und warum auf einer Seite über Europas Religionen das trostlos alberne "Fliegende Spaghetti-Monster" durch die Landschaft flattert, bleibt rätselhaft. Nur nebenbei: Wäre die Moscheekathedrale von Córdoba auf dieser Seite nicht wichtiger gewesen als die Alhambra?

Und auch wenn dieses Buch nicht nur die EU behandelt, wird den Brüsseler Institutionen doch zu wenig Platz eingeräumt, zum Beispiel um zu zeigen, welche Macht die Kommission hat und welche Macht dem Straßburger Parlament fehlt. Europas Schreckgespenst, der Populismus, wird sachlich fair erklärt; dagegen fällt die berechtigte Kritik an der EU eher schmallippig aus oder verkriecht sich in den hinteren, ebenso klar wie anspruchsvoll formulierten Textteil. So ist es mit diesem schönen Buch wie mit der europäischen Gemeinschaft: Verbessern und ergänzen ließe sich immer etwas. Doch wehe, es gäbe sie nicht – man würde sie sofort neu erfinden.

Susan Schädlich/Gesine Grotrian (Ill.): "Fragen an Europa. Was lieben wir? Was fürchten wir?"; Beltz & Gelberg 2019; 140 S., 16,95 €; ab 12 Jahren