Die Hügel hinter Vallendar sind ein besinnlicher Ort. Vom Berg Sion kann man an klaren Tagen bis in die Eifel gucken. In der Ebene fließt der Rhein, der kurz zuvor Koblenz passiert hat. Etwas weiter erstreckt sich der Marienberg, gegenüber der Berg Nazareth. Aus dem Wald lugen Kapellen hervor, Wohnhäuser und Seminargebäude. Pilger und Schulklassen eilen über das Gelände, begleitet von Nonnen in blauen Roben. In Schönstatt, einem Ortsteil des 8000-Einwohner-Städtchens Vallendar, ist die katholische Schönstatt-Bewegung zu Hause. Sie hat den Hügeln die biblischen Namen gegeben.

Im Tal steht eine Kapelle, unscheinbar zwischen altehrwürdigen Gebäuden, keine zehn Meter lang. In dem "Urheiligtum" hat der Pallottinerpater Josef Kentenich mit einer Gruppe Theologiestudenten vor über hundert Jahren ein "Liebesbündnis" mit Maria geschlossen. Diese Weihe ist der Gründungsmythos der Bewegung. Anhänger gibt es weltweit, allein in Deutschland soll die Bewegung 20.000 Mitglieder haben. Vallendar ist das religiöse Zentrum.

Hier sollte auch der Altersruhesitz eines Erzbischofs aus Chile sein, gegen den es seit Jahrzehnten Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs gibt, in Chile und auch in Deutschland: Francisco José Cox Huneeus.

Jahrzehntelang hat die katholische Kirche weltweit Missbrauchsfälle vertuscht. Wenn sich Betroffene meldeten, wurden die Täter oft von einem Bistum ins andere versetzt, statt sie zu suspendieren oder die Vorfälle öffentlich zu machen. Christ&Welt hat für diese Recherche mit rund einem Dutzend Informanten gesprochen und Dutzende öffentliche Dokumente und Artikel ausgewertet. Auch Cox’ Geschichte ist eine Geschichte der Ortswechsel. Nur dass sie nicht in einem Land spielt, sondern auf zwei Kontinenten – in Europa und in Südamerika. In Chile, Rom und in Deutschland.

14 Jahre lang lebte Francisco Cox weitgehend unerkannt in Vallendar – in einem Gebäude auf dem Berg Sion mit Blick über das Rheintal. Seit Mitte 2018 ist das anders. In Chile kommen immer mehr Details über die Dimensionen des dortigen Missbrauchsskandals zutage. Die Justiz ermittelt gegen rund 150 Geistliche. Vielen ranghohen Kirchenvertretern wird vorgeworfen, die Missbräuche gedeckt zu haben. Besonders im Mittelpunkt steht der Fall um den ehemaligen Priesterausbilder Fernando Karadima, der jahrzehntelang Jugendliche missbraucht haben soll. Bei einem Besuch in Chile nahm Papst Franziskus Anfang 2018 den ehemaligen Bischof Juan Barros in Schutz, dem vorgeworfen wird, Karadimas mutmaßliche Taten gedeckt zu haben. Auf dem Rückflug entschuldigte sich Franziskus und räumte später "schwerwiegende Fehler" ein. Für den Papst, der öffentlich eine "Null-Toleranz-Politik" gegen Missbrauch propagiert, war das ein peinliches Eingeständnis. In der Folge boten fast alle chilenischen Bischöfe ihren Rücktritt an. Bisher hat der Papst fünf Rücktrittsgesuche angenommen, darunter das von Juan Barros.

Parallel dazu melden sich in Chile immer mehr Betroffene öffentlich zu Wort, mit Klarnamen und konkreten Vorwürfen – auch gegen den Ex-Bischof Francisco Cox. Und die Schönstatt-Bewegung erstattete im August 2018 selbst Anzeige gegen Cox. Er soll 2004 wieder "sexuelle Handlungen" an einem Jugendlichen vorgenommen haben – in Vallendar, auf dem Gelände der Schönstatt-Patres.

Francisco Cox, geboren 1933, stammt aus einer angesehenen und einflussreichen chilenischen Familie. Er studierte Wirtschaftswissenschaften in der Hauptstadt Santiago, später Theologie und Philosophie im Schweizer Fribourg. Dort lernte er seinen Weggefährten Francisco Javier Errázuriz Ossa kennen, der später Erzbischof von Santiago und Kardinal in Rom werden sollte. Cox trat früh der Schönstatt-Gemeinschaft bei. In Chile betreibt sie Schulen und soziale Einrichtungen vor allem für die konservative Oberschicht.

Und Cox machte Karriere in der Kirche. Mit nur 41 Jahren ernannte ihn Papst Paul VI. zum Bischof im chilenischen Chillán. Sechs Jahre später, im August 1981, holte ihn Papst Johannes Paul II. nach Rom, als Sekretär des Päpstlichen Rats für die Familie. Einmal auf einem solchen Posten angekommen, geht man nicht mehr so schnell weg. Das sagen Journalisten, die in Chile und im Vatikan über die Kirche berichten. Das bestätigt auch Matthias Katsch, der die Kirchenhierarchie genau kennt und als Betroffener für die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs kämpft.