Vor wenigen Jahren dachte man, dass Schüler zu unpolitisch sind. Heute haben manche Angst, dass sie zu politisch werden. Da gehen Zehntausende Kinder jeden Freitag auf die Straße, um gegen die Klimakrise zu protestieren. Da schwänzen Jugendliche die Schule, weil ihnen ein "Friday for Future" wichtiger ist als ein Freitag mit Physik. Da planen Schüler für kommende Woche den "größten Klimastreik, den die Welt je gesehen hat".

Doch viele Politiker reagieren mit einem merkwürdigen Paternalismus, in beiderlei Gestalten: Von oben herab senden die einen Regeln, die anderen Komplimente. Die Bildungsminister pochen auf die Schulpflicht, so als würden die Schüler dem Unterricht fernbleiben, um Handy-Games zu spielen. Die Kanzlerin hingegen belobigt die Schüler für ihr Engagement, so als verliehe sie Fleißsternchen.

Der Paternalismus der Bildungsminister verkennt den Bildungsauftrag der Schule; der Paternalismus der Kanzlerin verneint den Handlungsauftrag der Politik.

Einerseits muss ein Bildungsminister die Schulpflicht verteidigen, das ist seine Rolle. Nach welchen Kriterien könnte er auch entscheiden, ob man für eine Demo schwänzen darf? Wenn sich eine Mehrheit der Schüler für das Anliegen interessiert? Wenn die Öffentlichkeit die Proteste sympathisch findet? Wenn die Wissenschaft die Forderungen validiert? Andererseits waren es die Bildungsminister, die im Oktober "Demokratie als Ziel, Gegenstand und Praxis" der Schule postuliert haben. "Die Stärkung junger Menschen in ihrem Engagement", so hieß es, "ist Aufgabe über alle schulischen Fächer und außerschulischen Angebote hinweg."

Der Bildungsauftrag von Schulen erschöpft sich längst nicht mehr darin, Formeln zu pauken oder das Futur II zu bilden. Es reicht nicht, Kompetenzen zu erwerben. Schüler müssen erfahren, wie es ist, selbst etwas zu erreichen und sich in die Gesellschaft einzubringen; Selbstwirksamkeit und Teilhabe nennen das Bildungsforscher. Zu beidem gehört, Widerspruch zu üben; sich mit – ja, bisweilen übertriebenem – moralischem Rigorismus Gehör zu verschaffen, weil einem dann jemand zuhört; und die Konsequenzen zu tragen, wenn man sich für ein legitimes Ziel über starre Regeln hinwegsetzt.

Dass die Regierungen so wenig tun, macht das Engagement der Jugendlichen dringlich. Die Zögerlichkeit auch der früheren Umweltministerin Merkel zeigt sich in ihrem Lob ohne Folgen: so als sei es nicht die Politik, die nun umsteuern müsse; so als gehe es um Privatbefindlichkeiten, nicht um Strukturen, Staaten und Macht; und auch so, als müsse man Geduld haben, obwohl sich, wie Merkel zugibt, "die Schülerinnen und Schüler manches schneller wünschen".

Doch Geduld und Klimakrise vertragen sich in den Augen der Schülerinnen und Schüler nicht. Die Wissenschaftler vom Weltklimarat IPCC fordern bis zum Jahr 2050 "rapide, weitreichende und noch nie da gewesene Veränderungen in allen Bereichen der Gesellschaft", um die Erderwärmung zu begrenzen.

2050 klingt weit weg? Auf den Straßen sind ganz viele, die gerade zum ersten Mal wählen werden, für sie ist dieses Datum ganz nah. "2050 bin ich noch keine 49", hieß es auf dem Plakat einer Demonstrantin. Die Hälfte der heutigen Lehrer wird dann über 80 sein, viele politische Entscheider auch. "Eure Untätigkeit zerstört unsere Zukunft" oder "Die Ampel steht auf Rot, aber ihr gebt Vollgas" steht auf den Plakaten der Schüler. Hier schwingt ein Generationenkonflikt mit. Es geht dabei nicht um einen Konflikt zwischen dem Langmut der Alten und der Ungeduld der Jungen, sondern um den Gegensatz von Interessen. Von Generation zu Generation haben Eltern ihren Kindern ein Versprechen gegeben: Ihr sollt es einmal besser haben als wir. Es ist das größte Versprechen, das Eltern machen können: Zukunftsglaube, Liebe, Hoffnung. Doch das Versprechen einer besseren Welt haben sie bislang nicht recht eingelöst.

Wie kommt man aus dem Generationenkonflikt heraus? Indem Eltern und Lehrer den Auftrag der Schüler annehmen, ohne Paternalismus, ohne Lob von oben, ohne Tadel. Wie das geht? Indem sie die Jugendlichen unterstützen, auf die Straße gehen, mitmachen beim Klimastreik.