Ja

Der Frauentag hat viele Gegner. Schon vor Jahren, als der 8. März noch nicht einmal in Berlin zum Feiertag gemacht worden war, verlangte Alice Schwarzer sogar, ihn abzuschaffen: Den "sozialistischen Muttertag" zu feiern sei der reinste Hohn. Nun, in Berlin wird das jetzt aber getan. Und das ist gut so. Es hat nämlich überhaupt gar nichts mit Hohn zu tun, dass der Weltfrauentag jetzt arbeitsfrei ist. Sondern mit dem Zusammenhalt unserer Gesellschaft.

Denn man darf den 8. März nicht bloß als DDR-Tag verstehen: Zum ersten Mal fand der Internationale Frauentag nämlich bereits im Jahr 1911 statt, damals noch am 19. März. Die Frauen gingen auf die Straße, um ihr Wahlrecht einzufordern. Als das dann eingeführt wurde, nutzten die Frauen den Tag weiter, zum Kampf um die Gleichberechtigung. Seit 1921 liegt der Weltfrauentag nun auf dem 8. März – und nur zu einer gewissen Zeit wurde er nicht begangen: in den Jahren zwischen 1933 und 1945. Der Internationale Frauentag ist einer der bewegtesten und wichtigsten Tage in unserer Geschichte.

Deshalb gilt es, ihn zu feiern. Aber keine Sorge: Es geht nicht darum, den 8. März als Kampftag gegen Männer zu begehen oder religiöse Feiertage infrage zu stellen – sie haben nach wie vor ihre Berechtigung. Es geht darum, uns zu vergewissern, was uns als Gesellschaft ausmacht. Politische Feiertage definieren, wofür wir als Gesellschaft stehen. Sie dienen als Identitätsanker. Sie führen uns Jahr für Jahr vor Augen, wer wir sind, wer wir sein wollen. Sie erinnern daran, dass gewisse Werte nicht schon immer da gewesen sind. Dass sie erkämpft worden sind. Dass in unserer Demokratie Probleme nicht ein für alle Mal, sondern ein ums andere Mal gelöst werden müssen. Und sie sind ein Zeichen dafür, dass wir diese Errungenschaften wertschätzen. Dass wir sie verteidigen wollen. Politische Feiertage binden deshalb auch die Leute ein, die heute nicht mehr religiös sind. Gerade in einer Stadt wie Berlin, in der nur 25 Prozent Christen leben, kann ein solcher Tag die Menschen verbinden.

Es geht darum, das gemeinsam Erreichte zu würdigen. Und das ist ganz schön viel: Früher durften Frauen ohne die Erlaubnis ihres Mannes nicht mal eine Arbeit annehmen. Bis 1962 konnten sie kein eigenes Bankkonto eröffnen. Männer standen unter dem massiven Druck, Alleinverdiener sein zu müssen. In der Öffentlichkeit durften sie keine Gefühle zeigen. Ein Mann, der einen Kinderwagen schob, galt als lächerlich. Es war eine langweilige und spießige Gesellschaft, die sich kein Mann ernsthaft zurückwünschen kann. Selbst die AfD, die gegen die Gleichberechtigung stänkert, baut auf eine Frau an der Spitze. Hand aufs Herz: Von der Gleichstellung der Frau profitieren die Männer doch genauso.

Selbst Erzbischof Heiner Koch betont in seiner Stellungnahme, dass es eine christliche Aufgabe sei, sich für die Freiheit der Frauen einzusetzen. Der Frauentag ist deshalb nur konsequent. Er erinnert uns an unsere Grenzen und gleichzeitig an unsere Errungenschaften. Er zeigt uns unsere Möglichkeiten auf und spendet uns Hoffnung für die Zukunft. Deshalb haben wir allen Grund, ihn zu feiern.

August Modersohn