© Birgit Lang für DIE ZEIT

Es klingt paradox, doch Gijsbert Stoet meint es ernst: Je besser es um die Gleichstellung in einem Land steht, desto weniger interessieren sich die Frauen für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, die sogenannten Mint-Fächer.

Das hat der Psychologe von der Essex University in Großbritannien im vergangenen Jahr in einem weltweiten Ländervergleich gezeigt. In Vietnam oder den Arabischen Emiraten liegt der Frauenanteil in den Mint-Fächern deutlich höher als zum Beispiel in Finnland – oder der Schweiz.

"Haben Frauen gleiche Rechte und freie Wahl, meiden sie Physik und Co.", sagt Stoet. Das ist ein erstaunlicher Befund, der sich nicht leicht erklären lässt.

Am Talent kann es jedenfalls nicht liegen. Stoet hat in seiner Studie nämlich auch erfasst, wie gut 15- bis 16-jährige Mädchen und Buben in den Mint-Fächern abschneiden. Resultat: Im Schnitt unterscheiden sich die Geschlechter nicht in ihren Fähigkeiten in Mathematik und Naturwissenschaften. Die Mädchen sind allerdings besser im Lesen als die Buben. Für den Forscher zeigt das: "Wählen Mädchen ihren Beruf nach ihrem eigenen stärksten Fach, landen sie nicht im Mint-Bereich – die Buben hingegen schon."

Das hieße: Auch in der Schweiz wählen Mädchen nicht deshalb kein Mint-Fach, weil sie dafür nicht schlau genug sind. Sie können im Durchschnitt einfach andere Dinge noch besser, und von diesen persönlichen Stärken lassen sie sich leiten. Sie werden Pflegefachfrauen oder Germanistinnen statt Polymechanikerinnen und Ingenieurinnen – aus reiner Vernunft.

So sind junge Frauen in manchen Fachgebieten krass untervertreten: etwa in der Informatik, der Elektrotechnik oder im Maschinenbau, wo der Studentinnenanteil an der ETH Zürich laut den neusten Zahlen bei lediglich zehn Prozent liegt; Besser sieht es in den Lebenswissenschaften wie der Biologie aus.

Der Psychologe Stoet kann darin erst mal kein Problem erkennen: "Wir leben in einer freiheitlichen und wohlhabenden Gesellschaft. Jede kann selbst entscheiden, wie sie glücklich werden will – das find ich wunderbar."

Rudolf Minsch sieht das etwas anders. Er ist Chefökonom beim Wirtschaftsdachverband Economiesuisse und sagt, es gebe da ein Problem. "Die Schweiz leidet schon heute unter einem Fachkräftemangel im Mint-Bereich. Mit der demografischen Entwicklung wird sich dieses Problem noch verschärfen." Momentan puffere die Personenfreizügigkeit mit der Europäischen Union das Defizit etwas ab; die Schweiz sei noch immer sehr wettbewerbsfähig. Aber ohne die talentierten inländischen Mädchen werde es künftig kaum gehen. Sie seien das größte Wachstumspotenzial.

Der Fachkräftemangel macht Frauenförderer. Weibliche Gehirne werden zu vielversprechenden ökonomischen Ressourcen. Allein, wie soll man die Mädchen für Mint-Fächer begeistern?

Ein Appell ans Pflichtbewusstsein reicht dafür nicht. Niemand studiert ein Fach bloß der Volkswirtschaft zuliebe. Darum haben sich Politik und Wirtschaft in den vergangenen 15 Jahren einiges einfallen lassen. Hunderte von Mint-Programmen und -Projekten sind in der Schweiz lanciert worden, von Stiftungen, Bildungsinstitutionen, Unternehmen. Ein "Meitli-Technik-Tag" hier, ein Programm für "TecGirls" dort. Es herrscht Wildwuchs, keine klare Förderstrategie.

"Viele dieser Initiativen sind sehr sympathisch und trendy", sagt Philippe Moreillon. Er ist Professor für mikrobiologische Grundlagenforschung an der Uni Lausanne und Präsident der Kommission für Nachwuchsförderung bei der Schweizerischen Akademie für Naturwissenschaften. "Sie sind etwas fürs gute Gewissen." Doch was sie bringen, sei schwer zu messen – vor allem langfristig und systematisch.

Die Bilanz der Mint-Förderung ist ernüchternd

Hier zeigt sich ein grundsätzliches Problem des Bildungswesens: Herauszufinden, welche Interventionen breit wirksam sind und welche nicht, ist schwierig. Oder ist man schon zufrieden, wenn überhaupt Mädchen an den Mint-Programmen teilnehmen?

Susanne Metzger leitet das Zentrum Naturwissenschafts- und Technikdidaktik an der Fachhochschule Nordwestschweiz. "Einmalige Show-Events reichen nicht", sagt sie. "Deren Wirkung verpufft." Direkt danach sind die Mädchen oder jungen Frauen zwar interessierter an Mint-Themen. Doch dieses Interesse flaut rasch ab. Manchmal seien die Events sogar kontraproduktiv, ergänzt die Bildungsforscherin Elsbeth Stern von der ETH Zürich. "Da wird einem in einer Firma gezeigt, wie toll Technik sein kann – in der Schule ist der Unterricht dann aber so langweilig und anstrengend wie immer."

Sind solche außerschulischen Aktivitäten also rausgeworfenes Geld? So weit will Stern nicht gehen. Aber man könne es sicher besser machen. Koordiniert statt nur engagiert. Das glaubt auch Metzger: "Es wurden zwar viele Projekte finanziert, aber jeweils nur für eine relativ kurze Zeit. Das war oft nicht nachhaltig. Langfristige Projekte wären sinnvoller."

Die Bilanz der Mint-Förderung ist denn insgesamt auch ernüchternd. So sind zum Beispiel in der Physik an der ETH Zürich die Studentinnenzahlen in den vergangenen fünf Jahren nur um ein My gestiegen – in der Informatik und der Mathematik sind sie sogar gesunken.

Das heißt nicht, dass alles umsonst war. Wenn ein neuer Studiengang für Informatik, Design und Management junge Frauen anzieht oder wenn ein einzelnes Mädchen nach einem Technik-Tag entscheidet, Ingenieurin zu werden, kann das durchaus als Erfolg gewertet werden. Nur ist es eben ein kleiner Erfolg.

Mittlerweile macht sich darum auch bei manchen Fachleuten Ungeduld und Ratlosigkeit breit. "Wir sind zu langsam", sagt Mikrobiologe Moreillon von der Uni Lausanne. Und Psychologe Stoet setzt noch eins drauf und sagt: "Niemand weiß bisher, ob und wie man die Interessen von Mädchen grundsätzlich verändern kann."

Aufgeben ist allerdings weder für die Politik noch für Bildungsfachleute in der Schweiz eine Option. "Die Mädchen sind die dicksten Karpfen im Teich", sagt Elsbeth Stern von der ETH. Bei den Buben hingegen sei der Mint-Talentpool schon ziemlich leer gefischt. Auf die Frage, warum das so ist, hat sie noch eine andere Antwort als der Psychologe Stoet.

Sie hegt den Verdacht, dass nicht bloß persönliche Stärken und Vernunft die Mädchen in ihrer Berufswahl leiten. Frauen wüssten oft schlicht nicht, wie interessant Mint-Berufe seien. Es mangle an weiblichen Vorbildern, und noch immer wirkten Stereotype, auch in der Beurteilung von Mädchen durch Lehrpersonen. "Wir wissen aus Studien, dass Mädchen in den Mint-Fächern willkürlicher benotet werden als Buben." Dazu kommt, dass sich Mädchen im Mint-Bereich selbst deutlich schlechter einstufen als Buben, trotz gleicher Leistung. Sie melden sich im Unterricht nur, wenn sie sich ihrer Sache ganz sicher sind, und schreiben Erfolge eher dem Zufall zu als ihrem eigenen Können. Ihr Selbstkonzept ist schief.

Mädchen sind demnach zwar schlau genug für Informatik und Technik, aber sie wissen und fühlen es nicht. Physik ist bei Schweizer Gymnasiastinnen das am meisten verhasste Schulfach – und Mathematik ebenfalls sehr unbeliebt. Nachzulesen ist das im Mint-Nachwuchsbarometer von 2014. Kein Wunder, dass junge Frauen eine Karriere in diesen Bereichen erst gar nicht in Betracht ziehen.

Auch Psychologe Stoet meint: "Es gibt eindeutig mehr talentierte Mädchen als Buben, die aus den falschen Gründen keine Mint-Fächer wählen." Er plädiert deshalb dafür, dass diese Fächer in der Schule möglichst lange obligatorisch sein sollten. Mitten in der Pubertät verhalten sich junge Menschen besonders geschlechterkonform. Jede Auswahl, die sie dann treffen müssen, spiegelt gesellschaftliche Rollenbilder wider.

Frauen werden abgehängt – finanziell und inhaltlich

Das ist auch deshalb ein Nachteil, weil man in mathematiklastigen Berufen mehr Geld verdienen kann. So steht es im Schweizer Bildungsbericht 2018. Mit der Digitalisierung könnte sich dieser Effekt noch verstärken.

Dabei sind Frauen über den ganzen Bildungsbereich gesehen auf dem Vormarsch: Sie glänzen in der Volksschule mit guten Noten und erreichen in Scharen die Matur. Die Maturitätsquote der Frauen liegt bei 44 Prozent, die der Männer bei 34 Prozent. Das zeigt sich auch an den Universitäten, wo Frauen mittlerweile knapp mehr als die Hälfte aller Studierenden ausmachen.

Doch Frauen werden im Mint-Bereich abgehängt – finanziell und inhaltlich.

Sie vertrauen nicht auf ihre Fähigkeiten und können schlimmstenfalls an gesellschaftlichen Diskussionen über naturwissenschaftliche und technische Entwicklungen nicht gleichwertig teilhaben.

Deshalb ist die Mint-Förderung von Mädchen und Frauen eine Frage der Gerechtigkeit. Selbst wer es nicht als Aufgabe der Politik betrachtet, der Wirtschaft die richtige Anzahl Menschen mit den richtigen Abschlüssen zu liefern, wird einsehen: Bildung sollte allen Lernenden möglichst die gleichen Chancen bieten, die Welt zu begreifen.

Auch deshalb ist die Mint-Förderung seit einiger Zeit erklärtes Ziel von Bund und Kantonen. (Und deshalb ist übrigens auch die Förderung von Buben – zum Beispiel beim Lesen – extrem wichtig.)

Also, was tun? Im vergangenen Sommer veröffentlichten die Akademien der Wissenschaften dazu einen Mint-Bericht. Erstellt im Auftrag des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation und mit Unterstützung der Erziehungsdirektorenkonferenz. Das Fazit: weniger Projekte umsetzen, für diese aber mehr Geld ausgeben und weniger Mint-Kurse nur für Mädchen anbieten. "Die Mint-Förderung muss erwachsen werden", sagt Uni-Professor Moreillon. "All die kleinen Initiativen werden nach und nach verschwinden, weil nun die Schule übernimmt."

Der neue Schweizer Lehrplan 21, der in den Kantonen zurzeit eingeführt wird, will Informatik und Naturwissenschaften in der Volksschule stärken. Die Idee dahinter: den Mädchen die Mint-Fächer von klein auf schmackhaft machen. Dafür brauche es allerdings besser ausgebildete Lehrpersonen, sagt Hansruedi Müller, der ehemalige Rektor der Schweizerischen Alpinen Mittelschule Davos und Mitglied der Kommission für Nachwuchsförderung bei der Schweizerischen Akademie für Naturwissenschaften. "Zurzeit haben wir schlicht zu viele Lehrerinnen an den Primarschulen, die selbst negative Erfahrungen mit Mint-Fächern gemacht haben." Müller glaubt nicht, dass sie die Freude daran gut rüberbringen können. Genau das aber sei wichtig, denn: "Kinder sind von Natur aus neugierig. Es ist die Aufgabe der Schule dafür zu sorgen, dass diese Neugier nicht stirbt."

Müller wünscht sich, dass in den Schulhäusern eine Mint-Kultur gelebt wird – von Menschen, die diesen Fächern positiv gegenüberstehen. "Wenn im Lehrerzimmer beim Kaffee regelmäßig über Naturwissenschaft und Technik gesprochen wird, dann haben wir es geschafft."

So weit ist man heute auch an den meisten Gymnasien noch nicht. Deshalb planen die Akademien eine neue Auszeichnung für diese Schulstufe – ein "Mint-Label". Besonders aktive Gymnasien dürften sich mit dem Label schmücken.

Das klingt ein bisschen hilflos. Aber welche Kraft ein Label haben kann, zeigt der Begriff Mint. Er hat das Thema ganz oben auf die Agenda der Bildungspolitik gehievt. Um die Träume von Mädchen zu verändern. Damit sie sich dereinst für einen Mint-Beruf entscheiden können – ganz frei und selbstbestimmt.