Wer hat Angst vor Huawei? Auf der politischen Agenda in Berlin schießt ein Thema nach oben, das bis vor wenigen Wochen bloß Technikexperten interessierte. Darf der chinesische Konzern weiterhin Antennen, Vermittlungsrechner und andere Geräte in deutschen Mobilfunknetzen verbauen?

Die Bundesregierung muss ihre Entscheidung in den kommenden Wochen fällen, und sie wird Folgen haben. Deutschlands Haltung in der Huawei-Frage wird die Beziehungen zu China auf Jahre beeinflussen. Sie wird bestimmen, wie zügig die Netze der nächsten Mobilfunk-Generation, 5G genannt, hierzulande ausgebaut werden können – das künftige technische Rückgrat der Wirtschaft. Sie wird mit darüber entscheiden, wie viel der Staat bei der Versteigerung der 5G-Funklizenzen, die in diesem Monat beginnen soll, einnehmen wird.

Vor allem aber sendet Deutschland mit seiner Entscheidung ein politisches Signal: über die Grundlinien deutscher, aber auch europäischer Außenpolitik im Zeitalter der Digitalisierung.

Huawei wurde 1987 gegründet und ist heute eine der erfolgreichsten Firmen aus China im Ausland. Ein riesiger Heimatmarkt und eine großzügige Finanzierung von chinesischen Staatsbanken macht die Angebote des Unternehmens oft unschlagbar günstig. Huaweis Produkte gelten jedoch nicht als Billigware, und das Unternehmen investiert viel in die Entwicklung.

Rund um die Erde hat Huawei mehr als 1.500 Mobilfunknetze gebaut. Sie erreichen ein Drittel der Weltbevölkerung. Ohne die sogenannten Basisstationen aus China, wie die Antennen und zugehörige Elektronik heißen, würde auch in deutschen Mobilfunknetzen vielerorts Stille herrschen: Im Netz der Deutschen Telekom etwa trägt mehr als die Hälfte dieser Spezialrechner das Huawei-Logo. Im vergangenen Jahr verkaufte das Unternehmen auch 200 Millionen Smartphones, nur Samsung war erfolgreicher. Es machte mehr Umsatz als IBM (umgerechnet 95 Milliarden Euro) und beschäftigte mehr Menschen als Apple (180.000 weltweit).

In den USA löste der schnelle Aufstieg von Huawei schon vor Jahren große Nervosität aus. Sicherheitsbehörden befürchteten, die Firma könnte in ihre Geräte Hintertüren für chinesische Spione einbauen. Obwohl solche back doors bisher nicht gefunden wurden, legten die Behörden nationalen Netzbetreibern wie AT&T und Verizon erfolgreich nahe, Huawei-Produkte nicht zu verbauen.

Auch in Europa gibt es inzwischen ein paar Einschränkungen. In Großbritannien etwa werden Huawei-Geräte vor dem Einsatz ausgiebig getestet: von Experten in Computersicherheitsfragen, unter der Aufsicht von Sicherheitsbehörden, und die Rechnung geht an das chinesische Unternehmen. In manchen Ländern werden Huawei-Produkte ausschließlich für nicht-essenzielle Aufgaben an den Rändern der Netze eingesetzt, nicht im sogenannten Netzkern. In Frankreich ist Paris samt Umgebung eine No-go-Area für die Chinesen.

Deutschland überlässt es bisher den einzelnen Netzbetreibern, Huawei-Produkte einzusetzen oder nicht. Die Telekom zum Beispiel testet die Geräte selbst und nutzt sie nur am Netzrand. Erst im vergangenen Jahr schalteten sich Behörden stärker ein: Im November gründete das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zusammen mit Huawei ein Testzentrum in Bonn.

Ohne Druck aus den USA hätte sich daran wohl wenig geändert. Bei einem Treffen im Juli drängte Washington aber die anderen Mitglieder der Five Eyes – des Clubs der Nachrichtendienstbetreiber aus den USA, Australien, Kanada, Großbritannien und Neuseeland –, Huawei ebenfalls auszuschließen. Wenige Monate danach entschieden sich Australien und Neuseeland, das Unternehmen vom Ausbau von 5G-Netzen zu verbannen. Großbritannien wird wahrscheinlich Huawei-Produkte nicht ausschließen, aber die Bedingungen so streng gestalten, dass ein partieller Bann dabei herauskommt.