Hygge soll uns also erleuchten, aber bitte nur so, dass es nicht wehtut. Von Lafargues Wunschkino der Exzess gewordenen Faulenzerei unterscheidet sich die neue skandinavische Gemütlichkeit vor allem durch die Ausgrenzung der lustvollen Verwahrlosung und Hemmungslosigkeit. Es ist eine sterile Gemütlichkeit, die ganz ohne vollgestopfte Bäuche, bekleckerte Hemden und frivol-besoffene Müßiggänger auskommt. Hygge beruht in erster Linie auf der Gestaltung eines Umfelds, das einem nichts anhaben kann. In seinem Buch erklärt Wiking, dass es bei der ganzen Heimeligkeit vor allem darum gehe, "in Sicherheit zu sein, abgeschirmt von der Welt, an einem Ort, wo wir nicht wachsam sein müssen".

Gegen die Dunkelheit im Außen soll der Rückzug ins behagliche Zuhause helfen. Wir sollen es uns mit unseren Liebsten auf dem Sofa gemütlich machen, lauwarme Tees trinken, selbst gebackene Leckereien essen, aber bitte in Maßen, denn dick soll Hygge natürlich auf keinen Fall machen, dem widmet Wiking sogar ein eigenes Kapitel. Die Hygge-Glückstipps propagieren ein ganzes Arsenal an Details der Wohlfühlpanzerung, die notwendig zu sein scheinen, um sich von den Bedrohlichkeiten des Lebens abzugrenzen.

Worin genau diese Bedrohung bestehen soll, bleibt jedoch unklar. Liest man Punkt zehn des "Hygge-Manifests" mit dem Titel "Schutz", könnte einen das Gefühl beschleichen, dass die Idee einer vagen Bedrohung vor allem dazu dient, inneren Zusammenhalt zu stärken, und zwar auf eine Weise, die zumindest mir Schauer den Rücken hinunterjagt: "Wir sind dein Stamm. Dies ist ein Ort des Friedens und der Sicherheit." Die Hygge-Fans scheint das Heraufbeschwören einer diffusen Gefahr, die in erster Linie "dunkel" und "fremd" ist und gegen die ein völkisch-nationalistisch anmutendes Wir-Gefühl aufgefahren wird, nicht zu stören.

Wenn man weiter in dem kleinen, mit hübschen Schaubildern und folkloristisch-urigen Bildchen verzierten Büchlein herumblättert, bekommt man den Eindruck, als müssten wir uns noch vor vielem mehr schützen als bloß vor den Gestalten der Nacht, die jenseits der schirmenden Holzwände schlummern. Wo Hygge im Heim ist, soll auch Hygge im Kopf sein. Die "innere Haltung" ziele vor allem auf "Harmonie" und "Bequemlichkeit". Stress und Aufregung seien um jeden Preis zu vermeiden. Punkt acht des Manifests: "Frieden – Keine Dramen. Über Politik reden wir ein andermal."

Dass eine Welt, in der Frieden vor allem dadurch zustande kommt, dass niemand über Politik spricht, einem gewissen Maß an Absurdität unterliegt, ist Wiking scheinbar Zimtschnecke. Wir sollen sicher sein, in erster Linie vor uns selbst.

Das Gegenteil der neuen Gemütlichkeit ist nicht etwa Produktivität, es ist die Überschreitung. Und vor der scheinen die Hyggis mehr Angst zu haben als vor irgendetwas anderem. Der Begriff Exzess leitet sich ab vom lateinischen excedere: darüber hinaustreten. Er beschreibt einen Prozess, Erfahrungen zu machen, die außerhalb dessen liegen, was komfortabel ist. Sich dem auszusetzen, was noch nicht definiert ist, einem Dunkel, einer Nacht, die vom mild erleuchteten Wohnzimmertisch aus unheimlich erscheint. Es ist eine subjektive Erfahrung, die Gelerntes, Gedachtes, in dem man sich eingerichtet hatte, zu sprengen vermag.

Der französische Philosoph Georges Bataille begreift den Exzess sogar als etwas Erhabenes. Gott, so Bataille, sei nur erfahrbar durch ein Überschreiten zu allen Seiten, das vor nichts zurückschrecke und die Dinge für einen Moment aus ihren Ordnungen stoßen könne.