Ich sah Dinge, die ich mir vorgestellt hatte, singt Solange Knowles mit zarter, leicht zitternder Stimme, die wie aus einem Wachtraum heranzuschweben scheint, "I saw things I imagined", darunter wiederholt sich eine dunkle Pianofigur, und ein prähistorischer Synthesizer tutet und piept wie ein Satellit, der aus dem Orbit Signale zur Erde sendet oder auch in die andere Richtung, weit hinaus in das All. "I saw things I imagined", ein ganzes Lied lang wiederholt Solange Knowles diese Zeile, und manche Silben hat sie am Mischpult hinterher so beschnitten, dass man glaubt, einer stotternden CD zuzuhören. Man denkt an erfüllte Zukunftsvisionen, aber auch an niemals verwirklichte Utopien von einst, und während der Gesang in immer höheren Registern entschwebt, verdichten sich Fender-Rhodes-Piano und Synthesizer zu einem Duett wie aus einem psychedelischen Jazz-Stück aus den Siebzigerjahren.

When I Get Home heißt das neue Album von Solange Knowles, und es handelt von der Sehnsucht nach einer künftigen und besseren Welt, aber auch von dem Glück, das nur der Blick in die Vergangenheit bietet: die Besinnung auf Herkunft und Tradition. Es geht um die Sicherheit, die einem Familie und Freundschaften stiften. Und um die Unerschütterlichkeit des black faith: des Glaubens der afroamerikanischen Menschen an eine Zukunft ohne Rassismus und an die Größe und Würde der "schwarzen" Kultur. Es gibt Science-Fiction-Klänge und warmen Soulgesang zu hören; die neuesten Beats aus der zeitgenössischen R-’n’-B-Produktion verbinden sich mit Fusion-Jazz-artigen Soli – und mit den geisterhaft verlangsamten Stimmen aus dem Südstaaten-Hip-Hop der Neunzigerjahre, wie er vor allem für Solange Knowles’ Heimatstadt Houston typisch war; When I Get Home ist dadurch auch eine Hommage an diesen Ort ihrer Kindheit und Jugend.

Der breiteren Öffentlichkeit mag Solange vor allem als jüngere Schwester von Beyoncé Knowles bekannt sein; doch ist ihr Schaffen künstlerisch selbstbestimmter und musikalisch weitaus interessanter als jenes von Beyoncé. Ihr voriges Album, A Seat at the Table aus dem Jahr 2016, ist ein Hauptwerk der Popmusik der letzten Jahre, mit melodisch herzzerreißend schönen und zugleich hochpolitischen Songs über die Renaissance des Rassismus und den Verlust so vieler sicher geglaubter emanzipatorischer Errungenschaften; es erzählte von den alltäglichen Gesten der Diskriminierung (Don’t Touch My Hair) und dem trotzigen Aufbegehren gegen den Zustand der Welt, aber auch von dem Wunsch, vor dieser Welt nur noch wegzulaufen (Cranes in the Sky).

Seither sind zweieinhalb Jahre vergangen, und es ist interessant, wie sich die Tonlage auf When I Get Home demgegenüber verändert hat. Die Verhältnisse scheinen heute ja noch düsterer und auswegloser als damals. Doch Solange Knowles begegnet ihnen nicht mit noch größerem Zorn, sondern mit künstlerischer Virtuosität und Gelassenheit. Es gibt keine sofort erkennbaren politischen Statements mehr, keine Anklagen des Rassismus, keine Bitterkeit und Aggression. Vielmehr herrscht durchweg jener milde und bedächtige, fast träumerisch wirkende Sound, den das Eröffnungsstück vorgibt; und wie in diesem bestehen auch die Texte der meisten anderen Songs nur aus wenigen Worten, in denen der Gesang sich wie in einer Klangschleife verfängt.

Man kann das beim flüchtigen Hören zu skizzenhaft finden; doch wer sich Zeit für diese Musik nimmt und sich auf sie konzentriert, wird reich beschenkt. Kaum ein Stück ist länger als drei Minuten, und doch ist jedes einzelne gesättigt mit Geschichte und Gegenwart. Man hört eine Vielzahl von Gästen aus dem aktuellen Hip-Hop, von dem Rapper Gucci Mane bis zu dem jungen Produzentenstar Metro Boomin. Zugleich bekennt sich Solange Knowles so stark wie noch nie zu ihren historischen Wurzeln. Als stimmliches Vorbild scheint Minnie Riperton durch, deren 1970er-Album Come to My Garden zu den funkelnden Solitären der Soulmusik zählt; zu minimaler Synthesizerbegleitung sang Riperton mit einer sagenhaften, fünf Oktaven umspannenden Stimme. Zu ihren wesentlichen Förderern gehörte Stevie Wonder – auch sein Einfluss auf Solange Knowles ist hier nicht zu überhören. Seine klanglichen Erfindungen aus den frühen Siebzigern, seine komplexen, scheinbar stolpernden, am Free Jazz orientierten Rhythmen werden von ihr ebenso markant zitiert, wie sie zwei zentrale Stellen des Albums mit Samples von Minnie Ripertons zweiter Band Rotary Connection versieht.

Dabei erschöpfen sich diese Zitate nicht in der Hommage oder im Selbstbekenntnis; mit ihnen – und das ist das eigentlich Interessante daran – schlägt Solange Knowles zugleich eine Brücke zwischen der politischen Realität der Gegenwart und jener der frühen Siebzigerjahre, in der ihre musikalischen Vorbilder wirkten. Schon dies war ja eine Zeit der enttäuschten Emanzipationshoffnungen nach den Niederlagen der Civil Rights Movement und dem Triumph des politischen Konservatismus unter der Nixon-Administration. Auch damals suchten prägende afroamerikanische Künstler wie Riperton und Wonder oder auch Marvin Gaye nach einer Musik, die Mut und Zusammenhalt stiftet; nach einer Musik, mit der sich ins "Innere", in den geschützten "Garten", in die Sicherheit von Herkunft und Tradition fliehen lässt, um in der feindlich gewordenen Gegenwart das Licht der Utopie einer gerechteren Welt nicht verlöschen zu lassen.

Das ist auch der Geist, der aus When I Get Home spricht: Ohne dass das Album ausdrücklich formulierte politische Botschaften enthielte, hat die selbstbewusste Gelassenheit, mit der Solange Knowles die afroamerikanische Popgeschichte beschwört, doch eine hohe politische Note. Und wie weiland bei Stevie Wonder sind auch ihre psychedelischen Schwebezustände nicht eskapistisch; sie sollen Kraft spenden für den weiteren Kampf gegen die Welt. Einen Tag nach dem Album hat Solange Knowles ein halbstündiges Musikvideo herausgebracht, das die Songs fast komplett bebildert. Darin sieht man sie durch Houston schreiten und schweben, umgeben von erhaben posierenden, weiß gekleideten Formationen afroamerikanischer Tänzerinnen und Tänzer. Immer wieder kommen aber auch schwarze Cowboys und eine schwarze Astronautin ins Bild. Die einen patrouillieren auf Pferden oder kämpfen beim Rodeo mit einem Stier; die andere macht sich an einer Raumschiffkonsole zum Flug in das Weltall bereit. Die schwarzen Cowboys werden vom Stier abgeworfen und stehen wieder auf. Die Astronautin scheitert an der Schwerkraft, aber auch sie verzweifelt darüber nicht. In ihrer letzten Szene zieht sie, ganz allein, die Raumschiffkonsole durch eine staubige Wüste in die Zukunft der Menschheit voran.