Wir treffen John Niven im Soho House in Berlin. Nach einer Karriere als Manager bei einer Londoner Plattenfirma sorgte der Schotte vor gut zehn Jahren mit dem Roman "Kill Your Friends" für Aufsehen, einer grellen Satire um den amoralischen Musikmanager Steven Stelfox. Nun legt Niven mit "Kill ’Em All" (Heyne Verlag) eine Fortsetzung vor.

DIE ZEIT: Gibt es eine reale Vorlage für Steven Stelfox, den Protagonisten Ihres neuen Romans?

John Niven: Stelfox basiert auf drei Leuten, die ich während meiner Zeit in der Musikindustrie erlebt habe. Deren Umgangssprache entspricht ungefähr der meines Protagonisten. Die Geschichte der Musikindustrie ist geprägt durch einen ständigen Krieg um Geld und Macht, und exakt das schildere ich in meinen Büchern. Die derzeit verbreitete Vorstellung, dass das Internet die Plattenfirmen zerlegt habe, ist Unsinn. Das Gegenteil ist richtig: Unternehmen wie YouTube oder Spotify verdienen so viel Geld mit Musik wie selten zuvor, indem sie urheberrechtlich geschützte Inhalte vermarkten. Von dem Geld, das diese Streamingdienste verdienen, kommt bei den Künstlern nicht viel an, bei den Plattenfirmen hingegen eine ganze Menge. Musiker werden systematisch betrogen.

ZEIT: Wie zum Beispiel?

Niven: Es gab lange Zeit die sogenannte Verpackungsabgabe, die im Kleingedruckten der Plattenverträge versteckt wurde. Diese Abgabe stammt aus der Ära der Schellackplatten, von denen immer viele beim Transport zerbrochen sind. Den Musikern wurde das in Rechnung gestellt – mit bis zu 15 Prozent ihrer Einnahmen. Aber auch nachdem Schellacktonträger lange Geschichte waren, blieb diese Abgabe in den Verträgen unverändert bestehen. Auch bei CDs gibt es diese Klausel: eine Gebühr für nichts. Die Liste der Arten, wie in der Musikindustrie betrogen wird, ist endlos. Jeder zieht da jeden über den Tisch.

ZEIT: Ihre Schilderungen der Exzesse in der Musikindustrie scheinen dennoch von der Realität überholt. Gibt es bei Plattenfirmen überhaupt noch Manager, die mit Privatflugzeugen zu Terminen rauschen?

Niven: Selbstverständlich gibt es die noch. Wenn Justin Bieber zu einem Geschäftstermin ruft, setzt sich garantiert ein Chef irgendwo in seinen Jet, um so schnell wie möglich vor Ort zu sein. Vielleicht besitzen nun ein paar Manager weniger Jets und Hubschrauber als früher, aber das Prinzip gilt noch.

ZEIT: Nach Michael Jacksons Tod haben Sie im Independent einen grimmigen Kommentar über die begleitende Berichterstattung veröffentlicht. Brachte Jackson Sie auf die Idee zu der Figur des durchgeknallten pädophilen US-Superstars Lucius Du Pre, der in Kill ’Em All auftaucht?

Niven: Ja, die Details seiner Biografie sind einfach zu verrückt, und wenn man sie dann noch überspitzt, wird es wirklich lustig. Es ist verblüffend, dass sich kein Autor vor mir an diesen aberwitzigen Stoff gewagt hat. Dabei mag ich Jacksons Musik eigentlich. Wenn man älter wird, lernt man, die Kunst losgelöst vom Künstler zu betrachten. Denken Sie nur an Morrissey, der sich als furchtbarer Rassist entpuppt hat. Dennoch ist die Musik, die er mit The Smiths gemacht hat, zeitlos toll. Was für Kunst jemand produziert, hat nichts damit zu tun, wie er sein Leben lebt. Gut, ich würde jetzt nicht mit Roman Polanski arbeiten wollen, der ein überführter Pädophiler ist. Aber wenn meine politischen Überzeugungen mit den Ansichten der Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, identisch sein müssten, käme ich nicht weit in meinem Beruf.

ZEIT: In Ihrem neuen Buch steckt viel Wut.

Niven: Stimmt, da ist viel Ärger, aber eben keine Verbitterung. Das Schöne daran, einen Charakter wie Steven Stelfox zu entwerfen, ist, dass man mit ihm zeigen kann, was falsch läuft in unserer Welt. Da wird Stelfox von einem alten Kollegen in die USA geladen, um zu helfen, die Skandale des Popstars Lucius Du Pre zu vertuschen. Gleich beim ersten Treffen wird klar, dass keiner der Plattenfirmenleute das geringste Mitgefühl mit den Opfern hat. Die wollen nur das Problem lösen, dass ihr Star kein Geld mehr einbringt. So läuft es tatsächlich in der Unterhaltungsindustrie. Und die Realität ist in den letzten drei Jahren doch überhaupt irrer geworden: Brexit, Trump und so weiter. Ich wollte keine öde Geschichte darüber verfassen, wie trist alles ist, sondern eine Figur in den Mittelpunkt stellen, die noch wahnwitziger als die Realität daherkommt: Steven Stelfox. Gemessen an ihm ist die Gegenwart doch wieder ganz erträglich. Stelfox liebt den Zustand der Welt. Die Menschen, die für den Brexit und für Trump gestimmt und dadurch dazu beigetragen haben, ihren eigenen Alltag zu zertrümmern, sind für ihn so idiotisch, dass man auf sie, aus seiner Perspektive, keine Rücksicht nehmen muss.

ZEIT: Sich die Handlung rund um den boshaften Stelfox auszudenken bereitet Ihnen besondere Freude, oder?

Niven: Es macht eben mehr Spaß, sich die bösen Jungs auszudenken. Das führt aber auch immer wieder zu Missverständnissen. Es gibt durchaus Kritiker, die mich als homophob oder frauenverachtend verteufeln, weil sie mich mit Stelfox gleichsetzen, was natürlich gewaltiger Unsinn ist. Denen muss ich dann erläutern, was ein Roman ist und dass die Figuren darin nur meiner Fantasie entsprungen sind. Es ist Satire.

ZEIT: Ist es lustig, wenn Stelfox seinen farbigen Chauffeur, der Trump gewählt hat, belehrt, dass das so sei wie Juden, die im "Dritten Reich" Hitler wählen, während sie zuschauen, wie die Asche ihrer Kinder durch Schornsteine nach oben steigt?

Niven: Das Drastische ist nun mal mein Stil. Wo zieht man die Grenze, was Humor darf? Meine Bücher sprechen ein besonderes Publikum an, und glücklicherweise teilen so viele Menschen meinen Humor, dass ich in diesem Job ganz angenehm über die Runden komme.

ZEIT: Sie haben als Musikmanager Bands wie Coldplay und Muse abgelehnt, die heute Stadien füllen. Wo wären Sie heute, wenn Sie die unter Vertrag genommen hätten?

Niven: Ich wäre wohlhabender, aber eben nicht glücklicher. Ich bin jeden Tag froh darüber, dass ich aus der Musikindustrie raus bin. Mir fehlte einfach der nötige Ernst für diesen Job.