Das hängt davon ab, wie Indien mit einer Niederlage umgeht. Denn das ist das vorläufige Ergebnis der jüngsten Konfrontation zwischen der südasiatischen Atommacht und ihrem ebenfalls nuklear gerüsteten, feindlichen Nachbarn Pakistan. Oberflächlich betrachtet steht es zwar unentschieden: Die Inder haben in der vergangenen Woche ein angebliches Terrorcamp auf pakistanischem Boden aus der Luft mit Raketen angegriffen, die Pakistaner sind am folgenden Tag mit ihren Jets über die Grenze vorgestoßen und haben bei einem anschließenden Gefecht mindestens ein indisches Kampfflugzeug abgeschossen und den Piloten gefangen genommen. Doch ein Patt im Konflikt mit dem kleineren, schwächeren, international gering geschätzten Pakistan ist für die regionale Großmacht Indien eine Demütigung. Man muss es daher für möglich halten, dass Militär und politische Führung in Neu-Delhi einen solchen Ausgang nicht akzeptieren, dass sie über kurz oder lang nochmals zuschlagen werden. Die Explosionsgefahr in Südasien ist nicht vorbei.

Besonders unangenehm für Indien ist es, dass Pakistan sich eine moralisch starke Position gesichert hat. Das ist eine geradezu schockierende Überraschung. Die Krise hatte mit einem blutigen Anschlag gegen indische Sicherheitskräfte in Kaschmir begonnen, für den eine in Pakistan beheimatete militante Islamistengruppe die Verantwortung übernahm. Pakistan stand vor aller Welt in grellem Licht als Terrorpatenstaat da. Aber der Premierminister des Landes, der vom Cricketstar zum Politiker gewandelte Imran Khan, ist geschickt aus der Klemme herausgekommen. So hat er nach dem Luftzusammenstoß vom vorigen Mittwoch den gefangenen indischen Piloten demonstrativ schnell wieder freigelassen, als "Friedensgeste". Khan hat sich zum Sprecher der Besonnenheit gemacht. In einer Fernsehansprache warnte er: "Die Geschichte lehrt uns, dass in Kriegen viele Fehlkalkulationen passieren. Meine Frage ist: Bei den Waffen, die wir haben – können wir uns Fehlkalkulationen leisten?" Khan hat Neu-Delhi zum Dialog aufgefordert: "Wir sollten uns zusammensetzen und reden." Die indische Seite dagegen ist martialisch und unversöhnlich aufgetreten. "Wir werden den Kampf in das Haus der Terroristen tragen, ich werde alle Rechnungen begleichen", hat Premierminister Narendra Modi gerade wieder erklärt. Wenn klare militärische Erfolge ausbleiben, wirken solche starken Worte auf Dauer wenig überzeugend. Der Anreiz, mit weiteren Vergeltungsschlägen nachzulegen, ist groß.

Fragil und bedrohlich bleibt die Lage auf dem Subkontinent in zweierlei Hinsicht. Das kurz- bis mittelfristige Risiko hängt mit den indischen Parlamentswahlen zusammen, die wahrscheinlich im April und Mai stattfinden werden (nationale Wahlen in Indien werden wegen der Größe des Landes in mehreren Etappen abgehalten, sodass sich der ganze Vorgang über einige Wochen erstreckt).

Zwischen der rechten Regierungspartei von Premierminister Modi, den patriotisch heiß laufenden Medien und einem aggressiven Social-Media-Publikum hat sich ein nationalistischer Erregungskreislauf gebildet, der einen rationalen Umgang mit dem verhassten Nachbarstaat enorm erschwert. Härte gegen Pakistan verspricht Wählerstimmen, Verständigung gilt fast schon als Landesverrat. Das schafft in den kommenden Wochen beunruhigend gute Voraussetzungen für eine neuerliche Eskalation.

Die andere Gefahr ist längerfristig und grundsätzlich. Zum ersten Mal hat Indien auf einen Terroranschlag mit einem Luftangriff auf pakistanisches Staatsgebiet reagiert. Die Logik dahinter ist nachvollziehbar: Neu-Delhi versucht bei der Vergeltung einen abschreckenden Schmerzpunkt zu erreichen. Wenn der Führung in Islamabad klar wird, so das Kalkül, dass die Attacken von militanten Gruppen wie Kriegshandlungen des pakistanischen Staates beantwortet werden, dann wird sie die Terrorverbände in ihrem Machtbereich von Übergriffen gegen Indien abhalten.

Das Problem ist nur: Was geschieht, wenn die Abschreckung nicht gelingt? Was ist, wenn doch der nächste Anschlag stattfindet, weil Armee oder Geheimdienst in Pakistan die militanten Islamisten, die als beständiges Unruhepotenzial gegen Indien so nützlich sind, nicht kontrollieren wollen – oder können? Mit seiner weitreichenden Strafaktion hat Neu-Delhi für die Zukunft eine Marke gesetzt, hinter die es nicht mehr zurückfallen darf. Wenn Indien etwa beim nächsten Mal seine Gegenschläge nicht auf pakistanischem Kerngebiet führen würde, sondern lediglich im pakistanisch beherrschten Teil der umstrittenen Kaschmir-Region: dann würde das schon als eine Art Rückzug erscheinen, als Schwächesignal, das man sich nicht erlauben kann. Die Regierung muss die Vergeltungsdosis vielmehr beibehalten, sie muss sie sogar noch steigern, immer in der Hoffnung, irgendwann doch noch die gewünschte Abschreckungswirkung zu erzielen. Man sieht sofort, wie heikel dieser Mechanismus ist, erst recht zwischen zwei Atommächten.

Die Welt hat sich zuletzt nicht besonders für den indisch-pakistanischen Konflikt interessiert. Dass sich beide Länder Nuklearwaffen zugelegt hatten, wurde international zwar offiziell bedauert, aber man hatte sich daran gewöhnt. Das atomare Einander-in-Schach-Halten schien zwischen Neu-Delhi und Islamabad einigermaßen zu funktionieren und für leidliche Stabilität zu sorgen. Als wirkliche nukleare Gefahrenherde galten in den vergangenen Jahren eigentlich nur Schurkenstaaten wie der Iran oder Nordkorea. Aber womöglich kann man sich dabei doch nicht beruhigen.