Sie hat sich nicht umgedreht. Sie lief vom Busbahnhof über die Piste direkt in Richtung Innenstadt. Vorbei an den Kindern in Schuluniformen, den Kühen, die vor Hunger Pappkartons fraßen, den rasenden Mopeds, den schwarz bespannten Fahrradrikschas, damals 1987 in Kathmandu.

"Warum?", frage ich Frédérique, dreißig Jahre später.

"Ich war traurig", sagt sie, "ich wollte, dass du mit mir durch Nepal reist."

Aber ich wollte weiter nach Tibet, den Potala-Palast sehen, den Mount Everest. 22 Jahre alt war ich, sie 21. In Bangladesch waren wir in den gleichen Flieger gestiegen, schon dort tauschten wir Blicke. Eine Überschwemmung hatte die Region um die Hauptstadt Dhaka verwüstet und das Land unter Wasser gesetzt. Der Flughafen ragte aus einer braunen Flut wie eine Hallig. Hätte nie geglaubt, dass wir dort wieder abheben könnten. In Kathmandu teilten wir uns ein Taxi in die Innenstadt, schließlich ein Hotelzimmer, um Geld zu sparen.

In der ersten Nacht saßen wir in einer kleinen Teeküche ohne Strom, aßen eine sternförmige Süßigkeit und holten uns wohl schon die Amöbenruhr, damals hatte die Stadt noch keine Kanalisation. Es war heiß in diesen Tagen im September, das Hotelzimmer hatte nur ein Fenster. Wir erkundeten die Stadt zusammen, besuchten den Palast des Königs am Durbar Square. Spielten mit den Affen am Swayambhunath-Tempel.

Jeden Nachmittag gingen wir in ein kleines Teehaus in der Altstadt. Im zweiten Stock saßen wir auf einem großen Holzbalkon, die Fenster standen offen. Das sei wie die arabische Bauart, sagte sie, zwischen den Holzbrettern bist du verborgen, aber du kannst nach unten auf die Straße sehen. Wir tranken Tee mit Milch und vier Gewürzen. Die Ventilatoren gaben Kühle, läuteten kleine Glockenspiele, um die Zeit aufzuwecken, aber die schlief friedlich weiter.

"Du warst der dritte Mann, den ich hatte", sagt sie.

In der vorletzten Nacht lagen wir beide wach, verwirrt von Hitze und Hormonen setzte ich mich auf ihre Bettkante und streichelte sie. Sie wollte nach Westen, nach Pokhara, sie bat mich mitzukommen. Aber ich war so voller Aufbruch. "Du hast keine warmen Kleider für Tibet", sagte sie. "Na ja", sagte ich, "wir sind in den Tropen." – "Bist du wahnsinnig?" Sie schenkte mir ihren braunen Strickpulli. Er duftete nach ihrem Parfum.

Ich wollte die Welt sehen, mich beweisen, war glücklich und beklommen gleichzeitig. In diesem Sommer hatten große Erdrutsche die Straße nach Tibet halb weggeschwemmt, über die abgerutschte Erde wanderten Sherpas mit Handelsgütern. Zehn, fünfzehn Kisten schleppten sie an Stirnriemen, ihre blutenden Füße steckten in Badeschlappen. Ich wanderte mit ihnen über den Pass bis ins tibetische Hochland, wo die Pisten intakt waren. Mit einem Lastwagen fuhr ich bis Tingri. Dort mietete ich einen Führer und Pferde, ich kam bis Rongbuk, dem letzten Kloster vor dem Mount-Everest-Base-Camp, geschwächt von der Ruhr und der Höhenkrankheit, strandete ich in 5.000 Meter Höhe. Ich wusste, ich würde sterben in dieser Höhe, wartete zwei Tage auf eine Karawane ins Tal, aber es kam keine. Also schleppte ich mich zu Fuß zurück.

Auf dem Rückweg übernachtete ich im Schneeregen im Freien, es gab kein Wasser, in eine Senke aus Torfmoos stellte ich eine Tasse, ließ sie mit braunem Wasser volllaufen und trank es. Ich baute eine kleine Mauer aus Steinen, legte den Rucksack drüber, um den Kopf vor den Schneeflocken zu schützen, zog eine Mülltüte über den Schlafsack, ich wickelte mich in Freds Pulli und versuchte, die Nacht zu überleben. Ich betete. Mit rasenden Kopfschmerzen, Durchfall und einer entsetzlichen Mattigkeit kam ich am nächsten Tag in ein Dorf. Die Tibeter versorgten mich mit Buttertee und Gerstenmehl.