Ein doppelter Regenbogen über dem Durbar Square © tapperoa/EyeEm.com

Hätte ich alles Geld der Welt gehabt, ich hätte mir im Hochland nichts zu essen kaufen können. Nachts träumte ich vom Essen, und immer, wenn es serviert wurde, wachte ich auf. Ich verlor zehn Kilo, kämpfte mich nach Lhasa, zurück in die Zivilisation, ins Leben, der Pulli schützte mich. Zwei Monate reiste ich entlang der Seidenstraße durch den Westen Chinas und die Provinz Sinkiang und flog von Pakistan aus heim. Den Pulli trug ich in den Keller. An Fred habe ich noch einen einzigen Brief geschrieben. Sie antwortete mir nicht.

Etwa 30 Jahre später. In einer Buchhandlung liegt ein Buch über Reisen nach Tibet in den Achtzigerjahren. Auf einmal ist alles wieder da. Die Kälte, die dünne Luft. Für einen Kilometer Strecke brauchte ich etwa eine Stunde, ich konnte mich nicht hinsetzen, um auszuruhen, weil ich nicht wusste, ob ich noch die Kraft haben würde, wieder aufzustehen. Die Wolken schwammen waagerecht auf mich zu, weil ich in derselben Höhe wanderte, in der sie sich bildeten. Das Gefühl, sie flögen einem direkt ins Gesicht! Duck dich!

Hinduistische Mönche auf dem Durbar Square © Michela Chimenti

Dieses unendlich leere Land, seine braunen Farben, die Klarheit der Luft, die Sternennächte, der Buttertee, der wärmte, das Gerstenmehl, das ich mit dem Tee in Ziegenlederbeuteln zu Klößen knetete und aß. Die Bäche ohne Brücken, der Bus fuhr krachend hindurch, die ewig kalten Hände und die ewigen kalten Füße, die ich irgendwann nicht mehr spürte. Dieses Bild, als die Karawanen über den Karakorum-Highway zogen und die Kamele über das Eis der Gletscher wanderten. Alles ist wieder da. Auch Fred.

"Fred geteilt durch energy mal Uli gleich impossible" – diese Formel hatte Fred in mein Tagebuch gemalt, damals in jenem Teehaus in Kathmandu, wo wir über Einstein sprachen und die Relativität und den Kosmos. Daran dachte ich, als ich den Computer anwarf, um sie zu googeln. Sie war Abteilungsleiterin im meeresbiologischen Institut geworden, in Roscoff, Nordfrankreich.

Ich wählte.

"Fred", sage ich, "ich habe noch deinen Pulli im Keller."

"Weißt du, dass es genau dreißig Jahre her ist, dass wir uns trafen, Anfang September 1987?" fragt sie.

© ZEIT-Grafik

Zwei Wochen später bin ich da. Damals waren wir Anfang zwanzig. Jetzt sind wir über fünfzig. Sie rollt mit ihrem Peugeot-Kombi auf den Parkplatz vor ihrem Haus. Ich hätte sie nicht wiedererkannt, nicht mal, als sie mich durch die Windschutzscheibe anlächelt. Wir nehmen uns in die Arme, küssen uns auf die Wange.

Sie lebt in Morlaix am Ärmelkanal. In Roscoff versucht sie, Austern gegen Bakterien resistent zu machen, ein hoffnungsloses Unterfangen, denn jede Resistenz zieht eine Co-Evolution der Bakterien nach sich. Sie püriert Austern, zeigt mir, wie manche Viren die Bakterien, die Austern angreifen, abtöten. Sie streicht mit der Hand über den Pulli, die Mutter einer Freundin hat ihn gestrickt. Wir freuen uns.