Zum Kostümfest in der Schule gehen Peter und seine Freunde als Piraten. Ganz klar! Doch Peters Mutter hat andere Pläne, und so stiefelt der Junge in einem urigen Fellgewand samt Pfeil und Bogen zum Fest, was ihm bei seinen Freunden Hohn und Spott einbringt. Seeräuber spielende Kinder, eine nähende Mutter, ein weinender, aus der Schule laufender Junge: So beginnt Peter Sís’ neues Bilderbuch Robinson, in dem er die Leser mit auf eine Reise nimmt – und zugleich in die eigene Kindheit zurückkehrt.

In seinem Atelier in der Lower East Side von Manhattan blättert Sís die Seiten um und erzählt: "Ich habe meine Mutter sehr geliebt, aber als Künstlerin war sie extrem ambitioniert und hatte mir damals ein Kostüm genäht, das vor allem ihr selbst gefiel." Robinson Crusoe war zwar sein Lieblingsbuch, er wäre aber lieber wie seine Freunde als Pirat gegangen.

Sís greift nach einem Scrapbook voller Fotos, Zeitungsausschnitte und Zeichnungen, aus dem Robinson hervorgegangen ist. Er betrachtet Kinderfotos seines jüngeren Ichs, einen ernsten Jungen im juckenden Pelz. Eins der Bilder ist hinten in Robinson zu sehen . "Als meine Freunde zu lachen anfingen, weil ich in ihren Augen einfach nur seltsam aussah, kamen mir die Tränen. Ich fühlte mich verraten und vollkommen allein", erinnert sich der beinahe 70-Jährige.

Im Bilderbuch beschert Sís sich und den Lesern eine glückliche Wendung. Nach dem verheerenden Kostümfest sehen wir den Jungen erst im Bett, auf der nächsten Doppelseite dann auf einem Schiff übers Meer segeln, bis er schließlich als Herrscher auf der Insel seiner Träume wieder mutig und stark wird.

Das alles erinnert sehr an Maurice Sendaks Wo die wilden Kerle wohnen – und genau das ist gewollt. Denn Sís’ neues Buch ist nicht nur eine sehr persönliche Geschichte und eine Hommage an Defoes Abenteuerroman, sondern auch eine Verbeugung vor dem großen Maurice Sendak, den Sís vor vielen Jahren kennenlernte.

1949 im damals tschechoslowakischen Brünn geboren und hinter dem Eisernen Vorhang aufgewachsen, studierte Sís zunächst in Prag, später in London Kunst. Als Trickfilmzeichner erregte er in den Achtzigerjahren Aufmerksamkeit und kam so in die USA. Und es war Maurice Sendak, der ihm die ersten Verlagskontakte vermittelte und der ihm empfahl, nach New York zu ziehen. Robinson ist nun eine Art Abschiedsbuch, Sís’ letztes Werk, das in dieser Stadt entstanden ist.

"Ich bin noch immer ein Reisender", sagt Sís und erzählt von seinem Plan, sich in sein Haus im etwa 30 Kilometer entfernten Irvington zurückzuziehen und dort weiterzuarbeiten. Und er erzählt von einer bevorstehenden Reise nach Prag und dem Traum, sich vielleicht eines Tages mit seiner Frau "irgendwo in Europa" niederzulassen. "Ich dachte natürlich, ich sei hier längst angekommen", sagt Sís, dem 1989 die amerikanische Staatsbürgerschaft verliehen wurde. "Aber mit Donald Trump hat sich alles verändert, und ich frage mich, ob dies noch das Land ist, in das ich damals eingewandert bin."

Er greift nach dem Schreiben einer Anwaltskanzlei, die die Gentrifizierung seines Viertels vorantreibt. "Wissen Sie, was schrecklich ist?", fragt er. "Trumps erste Ehefrau kam ebenfalls aus der Tschechoslowakei, und als ihre Kinder klein waren, besorgte ihnen eine Freundin all meine Bücher. Ich bin dem Präsidenten nie begegnet, aber seine Tochter hat vermutlich meine Bücher gelesen."

Sís legt das Scrapbook mit den Entwürfen zu Robinson beiseite. Er sieht plötzlich deprimiert und irgendwie älter aus. "Statt Forscherin zu werden, hat sie diesen Mann geheiratet, dessen Immobilienfirma nun die Leute hier vor die Tür setzt, um die Mietwohnungen in teure Eigentumswohnungen umzuwandeln. So viel zur erzieherischen Wirkung meiner Bücher." Wenn Sís im Mai 70 wird, hat er das Atelier, in dem er seit 25 Jahren arbeitet, voraussichtlich schon geräumt.

Diese Kunst- und Wunderkammer mag dann verloren sein, aber die Insel der Fantasie, dieser entlegene Ort, an den Peter Sís sich seit seiner Kindheit vor den Zumutungen der Wirklichkeit rettet, bietet ihm noch immer eine verlässliche Zuflucht. "Wenn ich mich abends schlafen lege", sagt er, "hoffe ich noch immer, dass meine Träume mich davontragen." Es sei nicht schlecht, wenn man einen Ort kenne, der einem Kraft gibt. "Besonders wenn man vorm Schlafengehen noch eine Rede von Donald Trump gehört hat."

Peter Sís: Robinson
Deutsch von Brigitte Jakobeit; Gerstenberg Verlag 2019; 48 S., 16,95 €