Wahrscheinlich erinnert sich der eine oder die andere: Anfang des Jahres waren sich die meisten Literaturkritiker ausnahmsweise einmal vollkommen einig. Sie verrissen den Roman Stella des Spiegel-Redakteurs Takis Würger, weil er das tragische Schicksal einer Berliner Jüdin zu Unterhaltungszwecken ausschlachtet und mit Nazi-Chic aufpoliert. Die Kritik richtete sich auch an die Adresse des Hanser-Verlags, den seine Geschäftstüchtigkeit dazu trieb, das die Schoah als Kolportage-Kulisse benutzende Buch in eine Reihe mit den großen Jahrhundertwerken der Holocaustliteratur zu stellen. Sie war, dem makabren Anlass entsprechend, kategorisch und moralisch und ästhetisch.

Die Leser haben die vernichtenden Verrisse nicht sonderlich beeindruckt. Der Roman gehört seit Wochen zu den zehn bestverkauften belletristischen Titeln in Deutschland, sein Autor liest auf einer Lesetournee in ausverkauften Häusern. Seither liegt mal wieder der altbekannte Verdacht in der Luft: Die Kritiker agieren in ihrer intellektuellen Blase und schreiben am Geschmack der Lesermassen vorbei.

Dieser Populismus findet sich nun wieder in einer offiziellen Anklageschrift einiger Buchhändler, die das Börsenblatt in seiner digitalen Ausgabe veröffentlicht hat. Die Literaturkritiker, so ist im Zentralorgan des deutschen Buchhandels zu lesen, wollten mit ihren Verrissen des erfolgreichen Werkes nur von ihrem eigenen "Bedeutungsverlust" ablenken, indem sie "künstliche Debatten" führten, die "eigentlich keine Grundlage" hätten und die "Freiheit des literarischen Schreibens" einschränkten. Anders als die künstlich debattierenden Kritiker stelle sich der Buchhandel "explizit an die Seite von Takis Würger".

In ihrer reichlich verspäteten Empörung über das angeblich jeder Grundlage entbehrende Takis-Würger-Versagen der deutschen Literaturkritik gehen die zwanzig unterzeichnenden Wut-Buchhändler sogar so weit, die Kritiker ganz abschaffen zu wollen. Sie schreiben tatsächlich: "Dieser Umgang mit Literatur verbietet sich."

Gnade mit der in der Bedeutungslosigkeit versinkenden Literaturkritik würden die Buchhändler, die Stella begeistert verschlungen haben, vielleicht noch einmal walten lassen, wenn es der Kritik gelänge, sich "der Meinung der Leserschaft und der BuchhändlerInnen" anzunähern, deren unempfindlicher Lesermagen hier zum obersten Geschmacksrichter erhoben wird. Sollte die Literaturkritik diese Warnung in den Wind schlagen und weiterhin auf der sonderbaren Eigenheit bestehen, die "Lufthoheit" über literarische Debatten zu beanspruchen und gegebenenfalls auch "Brandrodungskritiken" zu veröffentlichen, soll es ihr schlecht bekommen.

Worauf derartiges Verbotsgeschrei hinausläuft, dürfte den Wünschen des Börsenvereins entgegenkommen, der unlängst den Vorschlag verbreitete, die schwächelnde deutsche Lesekultur vor allem durch persönliche Lesetipps von "Influencern" neu zu beflügeln. Vom Kritiker zum Influencer: Marcel Reich-Ranicki, der zeit seines Lebens in jedem Angriff auf die Freiheit der Literaturkritik die Wiederkehr "der Kunstbetrachtung à la Joseph Goebbels" witterte, wird im Himmel toben.