Mal wieder geht es um den King of Pop, um Michael Jackson, und damit auch um den Vorwurf, er habe minderjährige Jungs sexuell missbraucht. Ziemlich sofort geht es damit auch um die gegenwärtig regelmäßig gestellte Frage, um die zentrale Frage also, ob man sich der Kunst eines Künstlers (hier bitte irgendeinen Namen eintragen: Jackson, R. Kelly, Kevin Spacey) in der Annahme, dass er getan hat, was er getan haben soll, noch weiter aussetzen kann, soll oder will. Der Missbrauchsvorwurf gegenüber Jackson ist nicht neu, er verschwand auch nicht, nachdem er 2005 davon freigesprochen wurde, aber irgendwie war er bei der Jackson-Rezeption zuletzt in den Hintergrund gerückt (weil es einfacher war?, weil es vor #MeToo war?, weil er ja freigesprochen worden war?).

Nun aber ist die vierstündige Dokumentation Leaving Neverland bei dem Bezahlsender HBO veröffentlicht worden, die, so war zu lesen, diese Vorwürfe auf für Jackson unentrinnbare Weise erneuern soll und die bei ihrer Premiere beim Sundance-Festival eingeschlagen habe "wie eine Bombe" (Rolling Stone). Die Reaktionen auf jene Bombe und die unangenehme zentrale Frage, die sie aufwarf, wirkten vielfach gequält, selbstmitleidig und ja, etwas unglücklich. Der öffentlich-rechtliche Radiosender BBC 2 soll erklärt haben, dass er künftig keine Songs von Michael Jackson mehr spielen werde, der norwegische Rundfunksender NRK teilte mit, Jackson für zwei Wochen aus seinem Programm zu entfernen.

Entfernen klingt hässlich und nach dem aktuell sehr gereizt formulierten Vorwurf der Zensur, und damit kommen wir zu den Affekten, die sich als Reaktion auf den Michael Jackson ban auf der Stelle entwickeln ließen, allerdings nur wenn man die Dokumentation noch nicht gesehen hat.

Affekt 1: Entschuldigung, aber ich brauche keinen Erziehungsberechtigten, der für mich entscheidet, ob ich mich Michael Jackson aussetzen kann (Referenzdiskurs: Hassfigur öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Hassfigur Gutmenschen). Affekt 2: Entschuldigung, aber was für eine verlogene Schwachsinnsidee liegt der Vorstellung zugrunde, dass Erfolg anständig wäre? Welche Schwachsinnsidee liegt der Vorstellung zugrunde, dass ein Künstler nur erfolgreich sein darf, wenn er anständig ist? So gesehen müsste man nicht nur unzählige Künstler löschen, sondern im Grunde die gesamte Zivilisation (die katholische Kirche und die Bibel et cetera).

Affekt 3: Entschuldigung, aber Michael Jackson entfernen – wie stellen Sie sich das vor? Konsequenterweise müssten dann auch Beyoncé und Lady Gaga und alles, was an nennenswertem Pop nach Jackson kam, mit entfernt werden.

Tatsächlich steckt in diesen Kunst-Verteidigungs-Affekten etwas Wahres, das man nicht einfach übergehen kann. Erst wenn man die Dokumentation gesehen hat, hat man ein Problem, und die Sache ist: Völlig unabhängig davon, was die BBC oder irgendein norwegischer Sender sagen, möchte man danach ganz von selbst erst mal keine Michael-Jackson-Musik hören.

Im Zentrum der Dokumentation stehen Wade Robeson und James Safechuck, die Michael Jackson im Alter von zehn beziehungsweise sieben Jahren Ende der Achtzigerjahre unabhängig voneinander kennenlernten. Folgt man den Erzählungen der beiden, so entsteht das Bild eines systematischen Anwerbeverfahrens, das in der totalen emotionalen Abhängigkeit von Jackson endete. Erste Voraussetzung dafür sei die Faszination davon gewesen, dass ein Superstar wie Michael Jackson sich für sie interessierte, sie anrief und sie zu sich einlud. Michael Jackson, der so vertraut wirkte, weil man ihn ja aus dem Fernsehen kannte, und der außerdem "der netteste Mensch" der Welt zu sein schien. Das bestätigen auch die Mütter von Robeson und Safechuck, die ebenfalls zu Wort kommen. Jackson habe auf sie einsam und schutzbedürftig gewirkt, für Safechucks Mutter sei er sogar wie ein Sohn gewesen.