Donald Trump hat den Nordkoreanern das Blaue vom Himmel versprochen. Ihr Land habe ein "gewaltiges Potenzial", es könne zu einer großartigen "Wirtschaftsmacht" aufsteigen. Keine Schmeichelei schien dem amerikanischen Präsidenten zu übertrieben zu sein. Die Atmosphäre sollte stimmen bei seinem Gipfel mit Machthaber Kim Jong Un vergangene Woche in Hanoi, dann würde es schon klappen mit dem Atomdeal.

Noch weitaus pompöser hatte es Trump bei seinem ersten Treffen mit Kim vor acht Monaten in Singapur versucht. Damals spielte er dem nordkoreanischen Diktator auf seinem iPad ein vierminütiges Video vor. Die Story: "zwei Männer, zwei Führer, ein Schicksal". Rasant geschnitten, unterlegt mit dramatischer Musik, sollte das Video Kim zeigen, welche Möglichkeiten ihm und seinem Land offenstünden, wäre er nur bereit, sich von seinen Nuklearwaffen trennen. Der Film zeigte Raketen, die wieder zu ihren Abschussrampen zurückkehrten, Kernspintomografen, Hochgeschwindigkeitszüge, in den Himmel wachsende Wohntürme und Bürger, die in den Straßen Pjöngjangs tanzten. "Die Vergangenheit muss nicht die Zukunft sein", lautete die Botschaft. "Aus der Dunkelheit kann das Licht kommen, und das Licht der Hoffnung kann hell scheinen."

Eine Reformpolitik nach chinesischem Vorbild hat das Kim-Regime nicht gewagt

Natürlich ließ Kim sich von solchem PR-Kitsch nicht einwickeln. Er dürfte sich eher gefragt haben: Für wie blöd hält Trump mich eigentlich? Dabei hat der US-Präsident in einem natürlich recht: Gäbe Nordkorea sein Atomwaffenprogramm auf, befreite sich das Land aus seiner selbst gewählten Isolation, hieße es ausländische Investitionen willkommen – dann spräche nichts dagegen, dass in Kims Armenhaus Fortschritt und Wohlstand Einzug halten könnten.

Was möglich wäre, zeigt der Blick auf den Süden der geteilten Nation. Das einst agrarisch geprägte Südkorea ist zu einem der führenden Industrieländer geworden. Dabei waren die Voraussetzungen im Norden viel günstiger. Dort liegen die größten Rohstoffvorkommen: Eisenerz, Kohle, Gold, Uran, seltene Erden. Und dort hatten sich vor der Teilung des Landes die wichtigsten Industrien angesiedelt. Aber die stalinistische Kim-Dynastie wirtschaftete das Land herunter, bis es zum Bettelhaus Asiens verkam. Bis Hunger und nacktes Elend in den Neunzigerjahren fast eine Million Menschen das Leben kosteten.

Als Kim Jong Un Ende 2011 die Macht von seinem verstorbenen Vater übernahm, versprach er seinem Volk, nie werde es "den Gürtel wieder enger schnallen müssen". Seine neue Politik, "Byungjin-Linie" genannt, sollte Wirtschaft und Atomrüstung gleichzeitig voranbringen. Seither hat Kim die Wirtschaft vorsichtig liberalisiert. Freie Märkte sind entstanden, auf denen die Nordkoreaner sich heute mit den Gütern des täglichen Lebens versorgen. Nachdem die staatliche Nahrungsmittelversorgung in der Hungersnot vor 20 Jahren vollkommen zusammengebrochen war, kaufen die Nordkoreaner ihre Lebensmittel fast nur noch auf diesen Märkten.

Restaurants, Handwerksbetriebe und kleine Handelsfirmen werden in Nordkorea zumeist privat geführt. Eine neue Mittelschicht ist entstanden, der inzwischen mehr als eine Million der 25 Millionen Nordkoreaner angehören sollen. "Dongju" heißen sie, "Menschen mit Geld". Die großen Industrieunternehmen allerdings bleiben nach wie vor in staatlicher Hand. Eine Reformpolitik nach chinesischem oder vietnamesischem Vorbild hat das Regime nicht gewagt.

Hanoi als Ort des zweiten Gipfeltreffens zwischen Donald Trump und Kim Jong Un war deshalb von besonderer Symbolik. Auch in Vietnam regieren bis heute die Kommunisten. Aber Mitte der Achtzigerjahre haben sie ihrem Land die "Doi Moi"-Reformen verordnet, jene "Erneuerung", mit der sie Vietnam wirtschaftlich – nicht politisch – modernisieren wollen. Privatinitiative ist seither erwünscht, Auslandsinvestoren sind willkommen. Vor allem aber hat sich das Land mit dem einstigen Gegner ausgesöhnt, die USA wurden zum wichtigsten Exportmarkt. Seit Beginn der Reformpolitik wächst Vietnams Wirtschaft Jahr für Jahr um durchschnittlich sieben Prozent.