Ostfrauen sind wieder ein Trendthema. In den vergangenen 30 Jahren ist das in Wellen immer mal so gewesen. An der Geschichte der Ostfrauen – und wie über sie berichtet wird – ließe sich eine ganz andere Art Wiedervereinigungsgeschichte erzählen.

Nach dem Mauerfall, als Ost und West sich euphorisch begegneten und Sexismus in öffentlichen Debatten noch fast kein Thema war, galten Frauen aus der DDR als die große Entdeckung. Es wurde von ihrer Offenheit, Unkompliziertheit und sexuellen Freizügigkeit geschwärmt, wie es heute, zum Glück, nicht mehr möglich wäre.

Dann stellte man Mitte der Neunzigerjahre fest, dass sie, die ostdeutschen Frauen, in Heerscharen den Osten gen Westen verließen. Wieder wurden sie als mobil, risikobereit und tatkräftig gepriesen. Es dauerte eine ganze Weile, bis man begriff, dass ein gesellschaftliches Klima auch kippen kann, wenn zu viele Frauen gehen.

Mit einer nochmaligen, wieder reichlichen Zeitverzögerung wandte man sich den Ostfrauen dann auch als politischen Wesen zu – und stellte mit großem Erstaunen fest, dass sie die in Westdeutschland als normal verstandenen, eher traditionellen Geschlechterverhältnisse ordentlich durcheinanderbrachten. Dass gerade Ostfrauen das wiedervereinigte Land wahrscheinlich mehr als jede andere gesellschaftliche Gruppe verändert haben.

Katrin Budde © rbb/Hoferichter & Jacobs

Ostfrauen, so heißt nun auch eine dreiteilige Doku-Reihe des MDR. In ihr kommen sehr viele starke, selbstbewusste und sympathische Frauen zu Wort. Prominente und unbekannte, und es ist eine große Freude, ihnen zuzuhören. Da sind die Journalistin Regine Sylvester, die Politikerinnen Katrin Budde, Petra Köpping und Anke Domscheit-Berg, die Unternehmerin und Ex-Politikerin Gunda Röstel zum Beispiel. Da sind aber auch die einst jüngste LPG-Vorsitzende der DDR, eine Sterne-Köchin, die jüngste Arbeitsamtsleiterin der fünf neuen Länder, eine ehemalige Kindergärtnerin, die heute Unternehmerin ist, und viele andere. Was lässt sich aus ihren Erzählungen, die sicher die Erzählungen vieler sind, lernen?

Schon der Titel Ostfrauen ist bemerkenswert, auch wenn es sicher Frauen gibt, die sich gegen dieses Label wehren. Aber die DDR-Sozialisation bildet nicht mehr das Zentrum, sondern lediglich den Ausgangspunkt der Erzählung. Zu viel Zeit ist seit dem Mauerfall vergangen. Die Jahre vor 1989 werden immer mehr zu einer Art Migrationshintergrund. Einmal wird die alte Bundesrepublik tatsächlich als "das fremde Land" bezeichnet, wird von "konträren Lebensmodellen" in Ost und West gesprochen. Waren die Unterschiede wirklich so groß? Gibt es gar eine neue Lust, die Unterschiede mehr als die Gemeinsamkeiten zu betonen?

Scheint so.

Es wird also gefragt, was die Frauen in der DDR gelernt haben. Und was sie mit diesem Gepäck nach der Wiedervereinigung anfingen. Diese Akzentverschiebung ist wichtig, weil es weniger um eine Rückschau geht, sondern gezeigt werden soll, welche Linien sich ins Heute ziehen. Diese Erzählung ist kompliziert, lange hat man sie eher gescheut. Nun aber geht es um Kontinuitäten und Brüche gleichermaßen, um ambivalente Erfahrungen von Glück und Unglück mit und nach dem Mauerfall. Kaum eine ostdeutsche Biografie lässt sich ohne diese Widersprüche erzählen. Endlich gelangt man in die Gegenwart, schaut nicht ewig nur zurück. Lange Zeit war das im MDR ja durchaus anders, oft ist es heute im MDR noch anders.

Dabei werden, vor allem im ersten Teil, Wege zur Macht, Frauen begleitet, die es nach der Wiedervereinigung "geschafft" haben – um es mal salopp zu formulieren. Da sind sie wieder, die positiven Geschichten, die sich über ostdeutsche Frauen allgemein leichter und sichtbarer erzählen lassen als über ostdeutsche Männer. Und dieses Phänomen hat ihren wohl sichtbarsten Punkt am Abend der Bundestagswahl 2017 erreicht, als in der sogenannten Elefantenrunde der ARD ausschließlich Ostfrauen sitzen: Angela Merkel (CDU), Katrin Göring-Eckardt (Bündnis 90/Die Grünen) und Katja Kipping (Linke). Die anderen Parteien werden von westdeutschen Männern repräsentiert, westdeutsche Frauen fehlen. Ist diese Runde exemplarisch, ist sie gar ein Symbol für das deutsch-deutsche Geschlechterverständnis?