Die Zahlen im Leben von Felix Finkbeiner sind beeindruckend. Sein erklärtes Ziel ist es, "eintausend Milliarden – also eine Billion – Bäume zu pflanzen". Alle 15 Sekunden pflanze seine NGO "Plant for the Planet" einen Baum. Mehr als 70.000 junge Menschen hätten sich seiner Bewegung angeschlossen, 15 Milliarden Bäume seien schon gepflanzt worden, eine Milliarde allein im vergangenen Jahr. Ebenso beeindruckend ist Finkbeiners Biografie: Mit 9 Jahren initiierte er das Baumpflanz-Projekt, mit 13 sprach er vor den Vereinten Nationen, letztes Jahr erhielt er – gerade 20-jährig – das Bundesverdienstkreuz, nun erscheint sein zweites Buch.

Als Schirmherren von Plant for the Planet fungieren Fürst Albert von Monaco und Klaus Töpfer. Die Organisation aus dem bayerischen Uffing führt Bildungsprojekte an Schulen durch und betreibt im mexikanischen Yucatán eine Baumschule. Eine App hilft, Bäume zu registrieren. Künftig soll sie sogar mithilfe von Satellitendaten den Fortschritt von Aufforstungsprojekten weltweit tracken, und ein Algorithmus soll kalkulieren, wie viel Kohlendioxid dadurch gebunden wird. Das soll Transparenz schaffen und allen Spendern das Gefühl vermitteln, ihr Geld für eine sinnvolle Sache auszugeben. Wenn man allerdings genauer hinsieht, beschleichen einen Zweifel an den beeindruckenden Zahlen.

Das beginnt schon mit dem Fortschrittsbalken für das 1000-Milliarden-Bäume-Ziel auf der Website von Plant for the Planet; dieser steht derzeit bei etwa einem Viertel – das wären rund 250 Milliarden Bäume. Klickt man allerdings auf den "Baumzähler", schrumpft das Viertel auf 1,5 Prozent zusammen, auf 15 Milliarden gepflanzte Bäume. Immerhin, auch die wären noch beachtlich viel. Allerdings wurden so gut wie alle Aufforstungen nennenswerter Größe von Staaten wie China, Indien oder Äthiopien durchgeführt, im Rahmen der "Billion Tree Campaign" des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP). Diese Aktion endete aber bereits 2011. Plant for the Planet ist lediglich formeller Nachfolger des Projekts. Zwar pflanzt auch die NGO Bäume, 7 Millionen in Mexiko sollen es bislang sein. Das wären aber nur 0,05 Prozent aller Bäume in der Datenbank.

Seltsam ist, dass zu den weltweit zehn größten Pflanzern nicht nur Staaten, sondern auch Einzelpersonen gehören. Ein "Valf F." aus Frankreich soll 682 Millionen Bäume gepflanzt haben, "Deekay" aus Ägypten 500 Millionen. Und ausgerechnet das Energieunternehmen RWE soll ebenfalls zu den Baumsponsoren gehören. Sühne für den Hambacher Forst?

Auf Anfrage heißt es bei Plant for the Planet, die Sache mit RWE sei leider eine "Fake-Meldung", die "versehentlich freigeschaltet" wurde. Die NGO verspricht, sie werde die Datenbank nochmals überprüfen, auf Bitten der ZEIT hin explizit auch in Bezug auf die seltsamen Einzelpersonen. Eine Woche später kommt eine zweite Mail der Pressesprecherin: "Wir mussten feststellen, dass die Eintragungen teils aus der Zeit der UNEP, teils aus der Zeit nach der Übergabe des Baumzählers an Plant for the Planet stammen, aber ehe wir einen Prüfmechanismus eingeführt haben. Die Angaben scheinen uns sehr merkwürdig, wir haben alle hinterlegten E-Mail-Adressen kontaktiert. Antworten stehen aber aus." Man habe daher "vorsorglich die zweifelhaften Zahlen gelöscht".

So ist nach nur zwei E-Mails die Datenbank bereits um 1,4 Milliarden Bäume leichter, neun Prozent aller Anpflanzungen. Aktuell zählt sie jetzt 13,62 Milliarden – größtenteils aus dem alten UNEP-Projekt. "Wir gehen davon aus, dass der Baumzähler nun weitestgehend von Falschmeldungen bereinigt ist", schreibt die Organisation und gibt sich zerknirscht: Die übersehenen Fake-Einträge seien "sehr, sehr ärgerlich". Allerdings habe niemand Schaden genommen, "weil kein Geld involviert war". Das mag sein. Aber was zweifellos Schaden genommen hat, ist die Glaubwürdigkeit der NGO. Wer so mit Zahlen auftrumpft, sollte auch korrekt zählen.