Drews gehört zu denen, auf die Schmidt regelmäßig die Aufmerksamkeit lenkt. Er ist eine zentrale Figur in Bautzen, er finanziert "alternative Medien", weil er mit der Berichterstattung der etablierten Zeitungen unzufrieden ist. Im Wahljahr 2017 hat Drews mit seiner Firma Hentschke Bau die AfD mit einer Spende in Höhe von 19.500 Euro unterstützt. Er ist einer der beiden größten Einzelspender der Partei in Deutschland.

Drews gegen Schmidt, in Bautzen wurde diese Debatte wie ein Boxkampf erwartet, ein Showdown.

Die Kirche läuft denn auch über vor Menschen, Hunderte müssen wieder gehen, weil der Platz nicht reicht. Und, so viel vorweg: Es wird kein Abend der Versöhnung. Sondern einer der neuen, noch tieferen Risse.

Als Annalena Schmidt vor dem Altar ihr Statement vorträgt, mit nervösen Händen, aber meist fester Stimme, brandet immer wieder höhnisches Gelächter auf. Als sie auf das Grundgesetz verweist und darauf, dass es im Land keine Zensur gebe, wird sie von einigen Besuchern ausgelacht. Jörg Drews dagegen wird beklatscht. Er sei "ein wirklicher Bautzner", sagt er; hier aufgewachsen und sozialisiert, seit 60 Jahren "mit Leidenschaft in dieser Stadt". Über ihn sei ja schon viel geschrieben worden, "Reichsbürger, brauner Häuptling der Stadt, Oligarch", das ärgere ihn. Das Einzige, was stimme: Er sei ein "besorgter Bürger". Er sorge sich um den Verlust von Werten. Darum, wie es weitergehe mit "Multikulti". Drews sagt, im Bautzner Dialekt, die Sätze, die viele in der Stadt gern hören wollen.

Annalena Schmidt dagegen sagt, ein paar Tage nach der Debatte, dass sie nun oft von anderen Leuten angesprochen werde. Manche solidarisieren sich mit ihr, für andere aber ist sie jetzt erst recht eine Zielscheibe des Hasses geworden. Fast täglich, so erzählt sie, werde sie auf der Straße angefeindet. Menschen riefen ihr hinterher: "Hau endlich ab aus unserer Stadt!"

War diese Podiumsdiskussion doch keine so gute Idee?

"Sie war richtig", sagt Alexander Ahrens. Er ist SPD-Oberbürgermeister von Bautzen. Und vor allem ist er derjenige, der seit Jahren schon erklären muss, was hier los ist. "Die Podiumsdiskussion wurde auch von Leuten besucht, die sich danebenbenommen haben", sagt Ahrens. "Aber die Diskussion hatte eine Ventilfunktion. Das kann wichtig sein, auch wenn man an dem Abend das Gefühl hatte, das ist erheblich schiefgelaufen." Ahrens ist ein Oberbürgermeister zwischen den Stühlen. Eigentlich, so sagt er, ärgere er sich immer mal wieder über die beiden Bürger, die er zur Diskussion gebeten hat. Über beide? Ja, sagt er: Auch über Annalena Schmidt und ihre Twitter-Aktivitäten. "Was sie da macht, ist ja grundsätzlich gut. Wir brauchen es, dass sich Leute wie sie gegen Rechtsextremismus engagieren." Aber? "Aber wenn ich das Thema verquicke mit einer pauschalen Abwertung der Stadt, erreiche ich auf der anderen Seite niemanden. Sondern erzeuge nur Trotz."

Als "rechtsextreme Hochburg" sieht Ahrens seine Stadt gerade nicht. "Sonst hätte man hier doch nicht so einen linken Vogel wie mich gewählt."

Zum Bild von Bautzen gehört allerdings, dass es hier durchaus rechtsextreme Netzwerke gibt. Und dass die AfD eine Macht ist. Kaum irgendwo schnitt sie bei der Bundestagswahl 2017 so gut ab, sie holte knapp 33 Prozent der Stimmen. "AfD-Wähler sind nicht per se schlechte Menschen, auch wenn es natürlich problematische Personalien darunter gibt", sagt Ahrens. Seine Strategie für Bautzen sei: Nicht ausgrenzen, sondern argumentieren. "AfD-Wähler kommen in unserer Gesellschaft vor, und zwar nicht zu knapp. Es hilft nichts, wenn wir sie wie Aussätzige behandeln: Bloß nicht anfassen! Damit schließe ich bei denen nur die Reihen, indem ich ihren Opfermythos bestätige."

Wie heikel so ein Miteinander sein kann, bekommt Ahrens dann aber wiederum bei Jörg Drews zu spüren. Er wundert sich über einige politische Einstellungen des Unternehmers, hat ihn dafür auch schon kritisiert, für "manch krude Verschwörungstheorie", für fehlende Abgrenzung zu radikalen Bewegungen. Zugleich lobt der Oberbürgermeister Drews für seine Arbeit als Unternehmer. Er würde Drews’ Firma Hentschke Bau am liebsten heraushalten, weil "da so viele Leute gute Arbeit machen".

Wenn Jörg Drews und Annalena Schmidt die beiden Pole der Bautzner Gesellschaft sind: Kann es dann überhaupt gelingen, die Stadt noch zu versöhnen? Ahrens sagt: Ja, er hoffe das.