Und was sagt Drews? Man würde ihn das gerne fragen, doch ein Gespräch mit der ZEIT lehnt er ab. Er habe schlechte Erfahrungen mit der Presse gemacht. Interviewen lässt er sich selten, und wenn, dann nur von ausgewählten Medien. Oft von jenen, die er selbst unterstützt. Dazu gehört das regionale Meinungsportal Denkste mit?!, das auch ein Magazin herausgibt, das damit wirbt, endlich "unzensierte Nachrichten" zu verbreiten. Dass Drews das nötige Kleingeld hat, um in Bautzen einem solchen Medium Aufmerksamkeit zu verschaffen, ist offensichtlich: Sein Unternehmen Hentschke Bau hat er seit den Neunzigerjahren von einer kleinen Traditionsfirma in ein Riesenunternehmen verwandelt. Mit etwa 700 Mitarbeitern und 140 Millionen Euro Jahresumsatz, so wirbt man in Stellenanzeigen. Es gibt Dutzende Hentschke-Bauprojekte im ganzen Land. Das macht Drews in Bautzen mächtig: Er sponsert den örtlichen Fußballclub, kämpft für die Sternwarte, hilft an zig lokalen Stellen aus. In einem Interview sagt er, dass er, im Durchschnitt, an jedem einzelnen Tag etwa 1500 Euro an Sponsoring-Geldern in der Region verteile. Und erklärt an anderer Stelle: "Wenn allerdings die Region sagt, wir sind dieses Drews überdrüssig geworden, und ich spüre das so, dann bin ich auch durchaus bereit, notfalls woanders hinzugehen. Mir liegen bereits Mails von einigen Bürgermeistern vor, die mich darauf hinweisen, dass sie durchaus einen guten Standort für mich hätten." Das, kann man nun sagen, lässt sich durchaus als Drohung lesen.

Es gibt einen Mann, mit dem man sprechen kann über Drews. David Vandeven betreibt in Bautzen eine Online-Plattform namens Ostsachsen-TV, auch er kam vor einigen Jahren aus Hessen in die Stadt. So richtig gut läuft es noch nicht. Seit einiger Zeit schaltet Hentschke Bau Anzeigen auf seinem Portal, erzählt Vandeven. Drews finanziere nun etwa zehn Prozent seiner Kosten. Inzwischen kandidieren Vandeven und Drews gemeinsam für den Stadtrat, sie treten für ein Bautzner Bürgerbündnis an. "Uns eint die Heimatliebe", sagt Vandeven. "Bei der multikulturellen Ausrichtung der Gesellschaft sind wir allerdings verschiedener Meinung. Ich denke, es tut der Gesellschaft gut, dieser Entwicklung nicht nur ablehnend gegenüberzustehen. Außerdem bin ich kein Nationalist." Was die beiden eint, ist, dass sie Annalena Schmidt kritisieren. Gerade hat ihr Bürgerbündnis einen Brief an Oberbürgermeister Ahrens geschrieben. Darin wird gemutmaßt, dass Schmidt "in Bautzen eine linksextreme Gruppe ANTIFA aufbauen" wolle. Schmidt verlange von anderen, sich von Rechtsextremismus zu distanzieren. Dies fordere man von Schmidt nun auch auf der anderen Seite ein.

Der Brief, sagt Annalena Schmidt, sei "absurd". Sie ärgert sich darüber mehr als über manche Beleidigung, "denn er unterstellt mir Extremismus, obwohl ich gegen Gewalt eintrete".

Nein, der Abend in der Kirche habe keine Versöhnung gebracht. Stattdessen habe sich nach der Podiumsdiskussion ein Vermummter mit einem Neonazi-Flyer vor ihrem Briefkasten fotografieren lassen. Ein Rechtsextremist habe zu einer Demo gegen sie aufgerufen, diese aber dann doch wieder abgesagt, Motto: "Annalena verhindern – keine hessischen Verhältnisse!" Sie nimmt das gelassen. "Am Anfang fand ich es komisch, bedroht zu werden. Inzwischen bin ich es gewohnt", sagt Schmidt. Sie sagt auch: Manche Tweets, die sie früher abgesetzt hat, würde sie heute nicht mehr veröffentlichen. Zu scharf formuliert. "Andererseits twittere ich und schreibe über Politik, weil ich ein politisch interessierter Mensch bin. Ich mache keinen Reiseblog."

Bautzen verlassen, das will sie auf keinen Fall mehr, sie will hier nun sogar selbst in die Politik gehen; ebenfalls für den Stadtrat kandidieren, für die Grünen. Allerdings ohne riesige Chancen. Sie tritt auf Listenplatz zwei an, bisher hat die Partei in Bautzen jedoch nur einen Sitz im Stadtrat. Von den Grünen wird sie gerade gefeiert für ihr Engagement. Demnächst kommt vielleicht sogar Parteichef Robert Habeck bei ihr in Bautzen vorbei. Und jetzt hat sich dann auch noch eine Nachfahrin von Günter Grass eingeschaltet.

In der vergangenen Woche veröffentlichten die Enkel des Gründers von Hentschke Bau einen offenen Brief. Die Firma, die Jörg Drews erst nach der Wiedervereinigung übernahm, gehörte vor der Verstaatlichung in der DDR einem Mann namens Ernst-Hans Hentschke. Dessen Enkelin mütterlicherseits ist Helene Grass, Tochter von Günter Grass. Gemeinsam mit fünf Cousins und Cousinen schrieb sie: "Der Baumeister Hentschke hat seine drei Töchter zu Weltoffenheit und Toleranz erzogen." Nun nutze Drews den Namen des Opas "als Basis und Instrument für die Verbreitung und Unterstützung seiner politischen Anschauungen".

So schnell, so viel ist sicher, wird Bautzen die Aufmerksamkeit der Republik nicht mehr verlieren.