An einem Januarabend sitze ich in einer weißen Limousine am Ufer des Arkansas-River. Der Mann am Steuer fragt: "Ist es okay für dich, wenn ich ein Gebet spreche?" Das ist es, vollkommen okay sogar. Wir halten uns an den Händen, er betet laut für mich, und nach dem gemeinsamen Amen überreiche ich ihm ein Glas Leberwurst und eines mit Wildpastete, mitgebracht und kühl gehalten den ganzen weiten Weg aus Muxall, Schleswig-Holstein, bis hierher nach North Little Rock, Arkansas. Dass unser Wiedersehen so gemütlich werden würde, hatte ich gehofft. Sicher war ich mir auf dem langen Weg dorthin aber nicht immer.

Mein Weg hatte in Kalifornien begonnen. Am Flughafen von Los Angeles lade ich Zelt, Schlafsack, Kocher und Gepäck in einen Mietwagen und kaufe in einem Großsupermarkt, was ich noch brauche für die Fahrt Richtung Osten. Nach ein paar Stunden halte ich in der Mojave National Preserve an, steige auf 200 Meter hohe Dünen und starre, Norddeutschland ausatmend, auf schroffe Berge. Ich errichte mein Zelt vor einer Wand aus Lavafels und wandere durch enge Canyons. Unbeschreibliche Wüstenlandschaft mit Kakteen und Gras und Schlangenwarnschildern breitet sich vor mir aus.

Etwas entfernt grasen Pferde. Kein Mensch außer mir. Deshalb traue ich mich, ein paar Western-Klassiker vor mich hin zu singen. Und nach und nach kommen die Pferde tatsächlich näher. Ich quassle ein bisschen mit einem jungen, honigfarbenen Hengst, schneide ihm einige Kletten aus der Mähne, und er legt seinen Kopf auf meine Schulter. Die Sonne steht tief, der Pferdekopf und mein Hut werfen lange Schatten auf dem kargen Boden, und ich bin hin und weg von all der Schönheit und der Nähe zu diesem Tier. Was für eine großartige Idee – diese Reise! Sie wird mich in den nächsten Tagen zu dem Mann in der weißen Limousine bringen.

Als wir uns das erste Mal begegneten, war ich sechzehn Jahre alt und hatte gerade den Realschulabschluss gemacht. Bis zum Beginn meiner Ausbildung waren es noch fast fünf Monate. Die wollte ich in den USA verbringen. Ich flog nach New York, nahm den Greyhound-Bus bis Richmond, Virginia, und fuhr von dort per Anhalter hinüber nach Kalifornien und auf nordwärts führenden Wegen zurück an die Ostküste. Auf dieser ersten Reise nahmen Studenten mich mit auf ihrem Weg zu Partys oder Hausfrauen mit ihren Einkäufen, Ölfeld-Arbeiter auf den Pritschen ihrer Pick-up-Trucks, alte Menschen, junge Menschen, weiße, schwarze, lateinamerikanische, manche für eine Stunde, andere für Hunderte Meilen.

Zwei Namen aus all den Begegnungen sind mir hängen geblieben: Frank Felton aus Alta, Wyoming, und Fred A. Conner aus Greenwood, Mississippi. Bei ihm, seiner Frau und den beiden Söhnen, Garrick, damals 13, und Keith, 11, blieb ich für eine Nacht. Während der Fahrt nach Hause kaute Mr. Conner ununterbrochen auf etwas herum. Außerdem führte er in Abständen eine Blechdose an seinen linken, mir abgewandten Mundwinkel. Dann gab es ein merkwürdig pfeifendes Geräusch, etwa "Pffft", bloß satter, gehaltvoller. Ich mochte gar nicht hinsehen. Hatte der Mann was an der Lunge? Ich hatte schon alte Männer Blut in Taschentücher spucken sehen. Später erst begriff ich, dass Mr. Conner ein Freund des Kautabaks war und auf diese Weise den Kautabaksaft loswurde.

Vor einigen Jahren schrieb Garrick, der ältere Sohn, mich auf Facebook an. Er fragte, ob ich der Deutsche von damals sei. Als ich bejahte, brachte er mich up to date: Garrick ist heute verheiratet, hat zwei Kinder und ist Pastor in einer Gemeinde der Southern Baptists in North Little Rock, Arkansas. Er stellt regelmäßig Beiträge online. Meistens geht es dabei um religiöse Themen. Aber selbst in Bemerkungen zum Wetter oder bei Bildkommentaren von Bergwanderungen kommen doch fast immer noch Gott, Jesus oder wenigstens die Bibel ins Spiel.

Ich bin kein Baptist und kein Pastor, und ich weiß nicht, wie das ist, wenn tiefer Glaube und grundfeste Gewissheit das ganze Leben durchdringen. Daher schreckte mich Garricks jesuanischer Eifer zunächst ab. Dann wurde ich neugierig und fragte ihn, ob wir uns nicht wiedersehen könnten, wenn ich in der Nähe sei. Er antwortete augenblicklich und entzückend einladend.

Diese erste Nacht im Zelt in Kalifornien ist rattenkalt. Ich rede mir ein, dass ich nicht leicht friere, aber es nützt nichts. Um ein Uhr morgens koche ich mir den ersten Kaffee des Tages. Im Supermarkt hatte ich mich für die billigste Instant-Sorte entschieden. Ich schlürfe die Plörre, die im Thermobecher schneller kalt wird, als ich Geschmack hineinfantasieren kann, und denke: Was für eine bescheuerte Idee, diese Reise! Zu welchem Wiedersehen bin ich hier eigentlich unterwegs? Mit meiner Unfähigkeit, mit Anfang fünfzig einen altersgerechten Urlaub zu organisieren?

Ich packe mein Zeug zusammen. Und ja, der Sternenhimmel ist imposant, so weit von den Lichtern der Städte. Nicht lange, und ich fahre auf dem Interstate Highway 40 in den Sonnenaufgang. Schon beim ersten Lichtschimmer fühle ich mich übermäßig beschenkt fürs Frieren.

Auch auf der Anhalterreise damals gab es reichlich unbequeme Nächte und verregnete Stunden des Herumstehens. Es gab Hunger und immer wieder die Frage: Wieso mach ich so einen Scheiß? Warum bin ich nicht wie die anderen nach Spanien ins Hotel gefahren? Aber stets hielt irgendwann ein warmes Auto, gab mir jemand ein Sandwich aus, erhob sich die Sonne spektakulär vom Horizont, vergaß ich beim Blick ins Land, was mir fehlen könnte.