Ein Gewerbebau im Lachenquartier in St. Gallen. Erster Stock. Künstlerateliers, ein Theaterrequisitenlager, ein Aufnahmestudio. Es ist früher Nachmittag. Manuel Stahlberger, der Mann, eilt mit dreckigen Händen auf die Toilette, Stahlberger, die Band, haben gerade Zmittag gegessen. Jetzt gibt es Dessert: Raffaello-Kugeln, Berliner aus dem Multi-Pack und Kaffee.

Am Tisch sitzen fünf Musiker, vier Instrumentalisten und ihr Sänger: Michael Gallusser, Marcel Gschwend, Dominik Kesseli, Christian Kesseli und Manuel Stahlberger – und dazu der Journalist, etwas verwirrt von dem, was er in den vergangenen Tagen gehört hat. Gemeinsam versuchen sie das neue Stahlberger-Album "Dini zwei Wänd" zu entschlüsseln, das an diesem Freitag erscheint.

"Als die ersten Texte von Manuel da waren, hatten die alle eine Leere, eine Art von Verschwinden und Suchen in sich ..."

"... das hat mich interessiert."

"Wir alle haben das gemerkt, dass die Texte nicht mehr konkrete Handlungen erzählen, dass es weniger Pointen gibt."

"Wenn ich am Hadern bin, würde ich gerne manchmal schnellere Antworten auf das Leben haben. Aber die gibt es bei mir nicht. Das Bodenlose gehört bei mir dazu."

"Es ging um Stimmungen und Bilder. Dazu haben wir dann die Musik ausprobiert."

"Wir haben geschaut, was passiert, wenn ich nur noch am Rumreden und Singen bin und ihr an den Instrumenten."

"Weil wir von Anfang an im Studio waren, haben wir alles sofort aufgenommen. Wir mussten nie dran arbeiten, einen Boden zu haben."

"Wir waren, über ein gutes Jahr verteilt, immer mal wieder ein paar Tage am Stück zusammen und haben ausprobiert. Irgendwann wussten wir: Jetzt müssen wir langsam anfangen, eine Platte zu machen, wenn wir uns nicht in den Soundtracks verlieren wollen."

"Entscheidend war der Moment, als wir uns für die Instrumente entschieden, die wir jeweils spielten. Jeder gruppierte sein eigenes Setting um sich."

"Es gab einen gemeinsamen Nenner, der allen gefällt. Uns interessieren vor allem Synthesizer und elektronische Sounds und weniger die traditionellen Songstrukturen."

"Aber es ist immer noch sehr songlastig und poppig. Wie sagt man?"

"Clubbig. Trackmäßig."

"Wir machen keinen Free Jazz, wir schreien nicht einfach rum und jeder macht irgendwas. Es hat schon noch ein paar Refrains."

"Dini zwei Wänd" ist das vierte Album von Stahlberger. In ihren Anfängen vertonten sie lediglich die Texte ihres Sängers, der als Comiczeichner sein Geld verdiente und als Kabarettist bekannt wurde. Von Album zu Album wurden sie immer mehr zur Band. Die Musik wurde mutiger, kantiger, die Texte wurden lyrischer, offener. "Abghenkt" (2011) und "Die Gschicht isch besser" (2014) gehören zu den besten Schweizer Mundartalben.

"Bei der letzten Platte hatten wir uns für eine Woche in einem Haus in den Bergen eingeschlossen und viel Neil Young gehört – und dann klangen unsere Songs auch so. Dieses Mal war es anders: Sobald es nach etwas klang, hat es uns gelangweilt."

"Wichtig war auch ein Kunstprojekt."

"Wir wurden angefragt, im Palace, einem Club hier in St. Gallen, eine fiktive Band zu spielen, deren Auftritt in eine Galerie auf der anderen Seite der Straße live gestreamt wird."

"Wir sagten zu, gaben uns den Namen Blumen-Touch und schrieben in zwei Tagen ein Programm mit 18 Popsongs."

"Ich schrieb hochdeutsche Texte dazu."

"Da merkten wir: Alles ist möglich."

"He, es kamen auch veritable Hits dabei raus. Es wollte sie nur niemand hören."

"Im Palace war kein Publikum. In der Galerie ruckelte der Stream, und der Sound war grauenhaft, ganz ohne Bass."

"Auf einer Mini-Tournee haben wir das Programm sogar noch live gespielt."

"Wir fanden uns recht cool."

"Aber es hat irgendwie nicht funktioniert."

"Mit Stahlberger ist das anders."

"Wir haben die Sachen sehr lange gespielt und dann runtergeköchelt. Wie eine Essenz."

"Ich habe das Wort nicht gern, aber unsere Musik hat etwas Organisches."