In der Mitte des Films treiben die Sisters Brothers ihre Pferde über eine Düne, und der Blick öffnet sich – auf den glitzernden Pazifik. Siedler haben am Strand ihre Wagen demontiert. Denn hier geht es nicht weiter; das Ende einer langen Bewegung, das Ende einer Geschichte ist erreicht. Und wohin auch immer die Helden dieses Films kommen, es ist schon jemand dort gewesen.

Das Meer liefert in Jacques Audiards preisgekröntem Western eins der schönsten, programmatischsten und überraschendsten Bilder. Das Genre war nie tot; es hat sich nur eine Weile angekränkelt mit sich selbst beschäftigt. The Sisters Brothers macht ihm nun Dampf durch seine Manipulation der Zeit. Das, was der Western sonst gern als Schauwert ausstellt, wird hier elliptisch-kursorisch behandelt. Ein nächtlicher Überfall auf eine Ranch zuckt in der Ferne über die Leinwand; ein Schnitt, und ein Grizzly liegt tot im Wald; der Schurke, der alle Fäden zieht, ist nur schemenhaft sichtbar. Was hingegen dauert, das sind Gespräche zwischen Kerlen, die man sich immer als verstockt vorgestellt hatte, was dauert, sind die Verrichtungen des Alltags. Zähneputzen etwa – im amerikanischen Westen zur Zeit des Goldrauschs, um 1850, wohl keine verbreitete Kulturtechnik.

Die Haltung zur Mundhygiene ist Teil des komisch-melancholischen Charakterdramas, das der bedächtige John C. Reilly und der nervöse Joaquin Phoenix als Eli und Charlie Sisters aufführen. Während Eli den Errungenschaften der Zivilisation neugierig begegnet und den Frischeduft des Zahnpulvers genießen kann, ist sein jüngerer Bruder in einer Art Revolverhelden-Trotzphase stecken geblieben. Die beiden arbeiten als Ausputzer für den "Commodore", einen brutalen Geschäftemacher, dessen Beziehungen "bis nach Übersee" reichen. Eigentlich ist Eli der Kompetentere: Umsichtig im Job und in der privaten Kommunikation seiner Zeit weit voraus, da fällt schon mal ein Satz wie "Musstest du dieses Gespräch jetzt so ins Banale ziehen?". Aber es ist der schießwütige Charlie, der vom Commodore befördert wird und künftig mehr Gehalt bekommt. Kein Wunder, dass Eli ans Aussteigen denkt.

Der Ritt, von dem der Film erzählt, führt die Brüder von Oregon in die Boomtown San Francisco und darüber hinaus. Die beiden sollen einen Chemiker mit dem murmelnden Namen Hermann Kermit Warm (Riz Ahmed) töten. Ein unsinniges Unternehmen, wie Eli meint, denn auf den Mann ist bereits ein Detektiv (Jake Gyllenhaal) angesetzt. Was Warm so wichtig macht, ist die Formel für eine ätzende Flüssigkeit, mit der sich das Gold in den kalifornischen Gewässern in großem Maßstab gewinnen lässt. Dass er außerdem eine politische Vision hat – er will eine basisdemokratische Enklave finanzieren –, verkompliziert die Lage.

Für ein Major-Studio wäre The Sisters Brothers ein Zielgruppen-Desaster gewesen. Die Geschichte ist "weißer" und viriler als jeder John-Ford-Klassiker: kein indigener Amerikaner, kein Schwarzer in Sicht; keine Frau, die mehr als drei Sätze zu sagen hätte. Und doch ist The Sisters Brothers kein revisionistisches Projekt. Und hinter den ikonischen Bildern weiter Graslandschaften liegt ein solides Geflecht von Themen, die den Film in der Gegenwart andocken. Das Geschäft der Brüder, das Arbeitsverhältnis, in dem sie stehen, ist so unheimlich, so ungreifbar wie irgendeines in der globalen Gesellschaft: Über Tausende von Meilen hinweg reicht die Wertschöpfungskette des wesenlosen Commodore, und seine Killer sind, einmal in Gang gesetzt, nicht mehr zu stoppen – fast könnte man von einer Chiffre sprechen für das, was die mexikanische Kulturwissenschaftlerin Sayak Valencia als gore capitalism, Blutkapitalismus, beschreibt. In den Lücken dieses Netzes privatisieren kleinere Unternehmer Ressourcen und Raum – ihr könnt eure Stadt jetzt umbenennen, ruft Charlie, nachdem die Brüder einen lokalen Paten getötet haben. Das wiederkehrende Motiv verletzter, vernutzter, verendeter Tiere schließlich – schon am Anfang flüchtet ein brennendes Pferd durchs Bild – erinnert an die Kosten der fortschreitenden Naturbeherrschung.

Auf diesem finsteren Hintergrund ist es ganz gut, dass der Film die westerntypische Gleichsetzung von Frau und Zivilisation auflöst. Die Männer sind auf sich zurückgeworfen. Aber sie sind bereit, sich "feminisieren" zu lassen – nicht umsonst schmiedet der Titel Schwestern und Brüder zusammen. Eli leistet Beziehungsarbeit an dem von einem gewalttätigen Vater traumatisierten Charlie; Gyllenhaals dandyhafter Detektiv kümmert sich um den Chemiker, den er ans Messer liefern sollte. Es ist schließlich Hermann Kermit Warm, der den Schlüssel zur Befreiung aus dem Drei-Sterne-Kühlfach hegemonialer weißer Männlichkeit in Händen zu halten scheint. Seine utopischen Ideen kommen mit sanften Umgangsformen und eloquenten, "exotisch" dunklen Augen daher – ein Verführer zum Weichen, Guten, Vermischten. Und er sagt: Wir müssen uns alle ändern.