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Meine Mutter war in der Abteilung für Presseausweise im Presseamt in Ankara angestellt. Meine Kindheit verbrachte ich inmitten dieser gelben Ausweise, inmitten der Angestellten, die sie vergaben, und inmitten der Journalisten, die sie haben wollten. Es kam der Tag, da ich selbst einen erhielt: Seit 38 Jahren begleitet mich dieser Ausweis nun schon in meiner Brieftasche, doch viel genützt hat er mir nicht. Wir leben schließlich in repressiven Zeiten, in denen uns ein Presseausweis zur Zielscheibe macht.

Erdoğan hat sich nun sogar per Verordnung ebenjenes Amt unter den Nagel gerissen, in dem meine Mutter bis zur Rente tätig war. Jetzt kann er bestimmen, wer einen Presseausweis bekommt. Laut Verordnung dürfen Antragsteller zum Beispiel nicht wegen eines Vergehens gegen die verfassungsmäßige Ordnung verurteilt sein. In demokratischen Ländern ist das eine richtige Praxis, keine Frage! In der Türkei aber, wo jede Kritik an der Regierung als terroristischer Akt gegen das System gilt, bedeutet diese Voraussetzung, dass ausschließlich Anhänger der Regierung den Ausweis erhalten. Sie fragen sich, warum sich der Staat in die Vergabe von Presseausweisen einmischt und warum sich nicht wie im Westen die Berufsverbände darum kümmern. Ich empfehle, diese Frage in der Türkei lieber nicht zu stellen. Denn der Staat mag keine Journalisten, die viele Fragen stellen.

Sie erinnern sich, als ich bei Erdoğans letztem Deutschlandbesuch zur Pressekonferenz wollte, um Fragen zu stellen, drohte er: "Wenn er kommt, komme ich nicht." Und Deniz Yücels erstes "Vergehen" bestand darin, den türkischen Premier neben Merkel nach den inhaftierten Journalisten gefragt zu haben. Da Journalisten, die Fragen stellen, in der Türkei entlassen oder inhaftiert werden, bleiben die Bildschirme frei für die parteitreuen Journalisten. Die stellen nun zur besten Sendezeit "kritische" Fragen wie "Woher rührt Ihre Energie?" oder "Was denken Sie über das Wüten der Opposition?".

Doch was ist mit den ausländischen Medien? Sie kann Erdoğan nur schwer davon überzeugen, im Sinne seines Palastes zu berichten. Deshalb hat seine Regierung nun eine einfache Lösung gefunden: Sie verweigerte einer Gruppe europäischer Journalisten, darunter Kollegen von ZDF, ARD, Süddeutsche Zeitung und Tagesspiegel, die Verlängerung der Akkreditierung. Erdoğan hofft, dass die Medien im Westen damit nicht mehr über das Repressionsregime in der Türkei berichten können.

Ob es so kommt?

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe