Wer sich schon einmal ernsthaft in eine Lüge verstrickt hat, jemanden um die Wahrheit oder sogar um mehr betrogen hat – also jeder erwachsene Mensch –, kennt dieses üble Gefühl im Bauch, das einen nicht mehr schlafen lässt, das einen zermürbt und einsam macht. Lügen ist nicht schön.

Die Wahrhaftigkeit ist in Verruf geraten, seit Debatten von Fake News und Framing überschattet werden. Da kommt das Fastenmotto der evangelischen Kirche gerade recht: "Mal ehrlich! – 7 Wochen ohne Lüge". Für die Themensetzung sei jedoch weniger die politische und mediale Ebene entscheidend gewesen, erklärt der Verantwortliche, Arnd Brummer, in einem Interview. Vielmehr wolle man aufrufen zum Nachdenken darüber, "wie oft kleine und große Notlügen oder falsche Aussagen im Alltag vorkommen". Danke dafür!

Dieser Dank war zugegebenermaßen geflunkert. Ich wäre wohl besser der Empfehlung gefolgt und hätte geschrieben: Danke für die Mühe, aber das Motto trifft nicht ganz meinen Geschmack. Sieben Wochen ohne Lügen klingen für mich nach vierzig furchtbar gnadenlosen Tagen. Aber, aber, so streng ist die Aktion doch gar nicht gemeint!, höre ich die Macher erwidern. Und doch muss diese Reduktion eines komplexen Beziehungsgeschehens wie der Lüge auf ein PR-taugliches Motto so verstanden werden: rigoros, unbarmherzig, zynisch. Denn es zielt nicht auf die großen Zusammenhänge, in denen die Lüge auch mal Leben retten oder Kriege verhindern kann, sondern auf die persönliche Lebensgestaltung. Damit fördert die Aktion nicht die Wahrhaftigkeit, sondern dient allein dem schlechten Gewissen. Ehrlich: Verzichten Sie lieber auf Schokolade!

Schon Luthers Übersetzung des achten Gebots macht die Sache ja übrigens kompliziert: "Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten." Soll ich nun meinen Nächsten nicht anlügen oder nicht verleumden, weder die Wahrheit verdrehen noch jemanden anschwärzen? Martinus selbst jedenfalls redete wenige Jahre später recht eindeutig falsch Zeugnis – gegen die Juden. 1543 erschien seine Hetzschrift "Von den Juden und ihren Lügen", deren Wirkungsgeschichte vom Antijudaismus des 16. Jahrhunderts bis zum Antisemitismus der Nazis reicht. Ausgerechnet er bescherte damit, wie der Judaist Matthias Morgenstern in seiner neu bearbeiteten und kommentierten Fassung des Buches schreibt, den reformatorischen Kirchen ein "Glaubwürdigkeitsproblem".

Mit etwas mehr Ehrlichkeit im Alltag ist es eben nicht getan, der Verzicht auf die kleine Täuschung löst die großen Lebenslügen nicht auf. Die Wahrheit ist: Ohne Lug ist das Leben selbst Trug.