Bevor ich in der Türkei Berufsverbot bekam und an die Universität Frankfurt kam, habe ich fast zwanzig Jahre an türkischen Hochschulen verbracht. Erst als Studentin, dann als Doktorandin und Nachwuchswissenschaftlerin, später als Assistenz-Professorin. Auf all diesen Stufen gab es Hindernisse. Als Frau aus der Arbeiterklasse ist es schwer, in der akademischen Welt akzeptiert zu werden. Ich bin im Osten der Türkei geboren, als fünftes Kind einer armen, kurdisch-alevitischen Familie. Ich konnte keine Privatschule besuchen, habe als Jugendliche kein Englisch gelernt. Unterstützt hat mich vor allem meine Familie. Meine Schwester und ich sind die ersten Akademikerinnen unserer Familie.

Trotz allem arbeiten überraschend viele Frauen an türkischen Universitäten. Für Frauen gilt der Wissenschaftssektor als gutes Umfeld. Natürlich gibt es typische Frauen- und Männerfächer. In den Naturwissenschaften finden sich wenige Professorinnen, in den Sozialwissenschaften umso mehr. Dekane und Präsidenten sind meist Männer.

"Geschlechterungleichheit hat auch etwas mit ökonomischen Verhältnissen und Machtstrukturen zu tun."
Latife Akyüz, 44, Stipendiatin am Institut für Soziologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main

In der Türkei gibt es einige schwierige Forschungsfelder, etwa Kurden betreffende Themen oder der Völkermord an den Armeniern. Aber auch die Gender-Studies werden schon lange attackiert. Konservative Medien behaupten, die Forschung habe keinen Wert und bringe Studierende auf gefährliche Ideen. Vor Kurzem hat der Chef des Hochschulausschusses angekündigt, die Programme umzustrukturieren. Nach dem Militärputsch ist der Druck auf Wissenschaftler generell größer geworden.

Als ich nach Deutschland kam, war ich überrascht über die prekären Arbeitsbedingungen an den Unis. Geschlechterungleichheit hat auch etwas mit ökonomischen Verhältnissen und Machtstrukturen zu tun. Da könnten auch türkische Wissenschaftler ihre Erfahrungen einbringen.

Latife Akyüz, 44, bis 2016 Assistenz-Professorin für Soziologie in Düzce, Türkei; derzeit Goethe-Universität Frankfurt am Main