In der Wienbibliothek, die sich über zahlreiche Zimmer im neugotischen Rathaus verteilt, gibt es einen Maschinenraum, in dem an der Zukunft gearbeitet wird. Dort befindet sich ein Scanner, mit dem in mühevoller Präzisionsarbeit die Bestände des Hauses in hoher Auflösung digitalisiert werden.

Die Wienbibliothek steckt, so wie alle anderen Wissensspeicher, die Bücher, Handschriften, Fotos und Plakate sammeln, in einem fundamentalen Umstrukturierungsprozess. "Wir erleben in der Gesellschaft derzeit eine kopernikanische Wende: Von der Herrschaft des Textes hin zur Dominanz des Bildes", erklärt Klaus Kempf von der Bayerischen Staatsbibliothek, ein führender Digitalisierungsexperte. Dies beeinflusst auch Sammelstrategien und Präsentationsformen der herkömmlichen Bibliotheken und Archive. Viele Nachlässe und Korrespondenzen werden schon bald nicht mehr aus haptisch erfahrbaren Objekten bestehen, sonder nur mehr in Form von Bits und Bytes vorliegen.

Zwar gibt es sie nach wie vor, die riesigen Regalwände, die bis zur Decke hinauf randvoll mit Büchern gefüllt sind, und die Lesesäle, in denen bei diskreter Beleuchtung Studenten über Druckwerken brüten. Aber das Zauberwort, das die Debatten der Gegenwart bestimmt, lautet "digital". Die real existierende Bibliothek ist im Begriff, sich in einen virtuellen Lesesaal zu verwandeln. Zeitgenössische Benutzer besorgen sich ihre Lektüre lieber per Mausklick, statt ihre Körper tatsächlich in Richtung Wissensarchiv in Bewegung zu setzen. Ein jugendlicher Mitarbeiter, sagt Anita Eichinger, welche die Wienbibliothek derzeit interimistisch leitet, habe einmal kundgetan: "Was nicht digital vorhanden ist, existiert nicht."

"Wir haben rund 300.000 Bücher und nur drei Mitarbeiter, die für das Scannen zur Verfügung stehen", klagt Michael Burger, Mitarbeiter des kommunalen Wiener Bücherspeichers: "Deshalb können wir nur schwerpunktmäßig arbeiten." Zu den Werken, die hausintern elektronisch erfasst wurden, gehören beispielsweise die Bestände der sogenannten Eisernen Kassa: Das sind Judaica, Inkunabeln aus alter Zeit und andere Schätze, die in einem besonderen Tresor verwahrt werden. Wenn allerdings größere Projekte anstehen, führen externe Firmen die Arbeiten durch. Auf diese Art wurden bereits Hunderttausende Seiten aus der Verwaltungsgeschichte der Bundeshauptstadt umgewandelt.

Der Druck auf die Bibliotheken wächst, ihre Bestände online verfügbar zu machen und kreative Lösungen zu entwickeln– etwa für neue Formate wie E-Books, die nur in elektronischer Form existieren. "Nach augenblicklicher Gesetzeslage dürfen wir zum Beispiel E-Books gar nicht sammeln", erzählt Michaela Mayr, die Leiterin der digitalen Abteilung der Österreichischen Nationalbibliothek. "Derzeit werden Printpublikationen noch vorrangig behandelt. Deshalb haben wir eine Mediengesetznovelle vorgeschlagen, um diese Lücke zu schließen."

Die öffentlichen Institutionen sind von dem Megaprojekt der Digitalisierung überfordert

Es geht in diesem Kontext vor allem um jene Materialien, die als born digital bezeichnet werden, also digitalen Ursprungs sind, und für deren Erfassung man neue Speichermethoden entwickelt hat, etwa die Crawler-Technologie, eine Software, mit der man Webseiten identifizieren und archivieren kann. "Ein sehr wichtiger Bereich in der Webarchivierung", erläutert die Bibliothekarin, "ist das sogenannte selektive Harvesting, wo wir einzelne Seiten nach inhaltlichen Kriterien auswählen und die in größeren Abständen auch archivieren. Da haben wir verschiedene Kollektionen wie eine Medienkollektion und eine Politikkollektion."

Dabei handelt es sich zum jetzigen Zeitpunkt jedoch noch eher um Orchideendisziplinen. Der weitaus größere Aufwand wird von den Institutionen betrieben, um die Retrodigitalisierung durchzuführen, also das Verfügbarmachen der traditionellen Buchbestände im Internet. Und das ist eine Sisyphusarbeit, welche die Kapazitäten der meisten Institute überfordert: Da sich die öffentliche Hand nicht bereit erklärte, die Finanzierung für eine umfassende Digitalisierung zu übernehmen, waren weder die Geldmittel noch die personellen Ressourcen für solch ein Megaprojekt vorhanden. So kam der Internetgigant Google ins Spiel, der etwa für die Österreichische Nationalbibliothek oder die Bayerische Staatsbibliothek Millionen Seiten digitalisierte und im Gegenzug Zugriff auf die Bücher bekam, deren Inhalte über die firmeneigene Webseite angeboten werden. Manche Bibliotheksleute sehen dies durchaus kritisch: "Einem kommerziellen Anbieter die Digitalisierung des Wissens der Welt zu überlassen halte ich persönlich nicht für gut", sagt beispielsweise Anita Eichinger von der Wienbibliothek.