In den guten alten Zeiten gab es auf der einen Seite die Spießer und auf der anderen die Bohème. Schauspieler waren – während des Auftritts, aber oft auch davor und danach – das Gegenteil von Spießern, denn sie konnten ihre Gefühle jederzeit rauslassen (zum Beispiel durch unkonventionell lautes Schreien), wo der zwangsneurotische Biedermann seinen Frust stumm in sich hineinfraß.

In dieser längst sprichwörtlich gewordenen Muff-Welt der Fünfzigerjahre spielt Richard Yates’ Roman Zeiten des Aufruhrs. Es ist die Welt der amerikanischen Vororte, in der man den schönen Schein wahrt und gleichzeitig Brandy kippt, weil anders der Druck der Konformität nicht auszuhalten wäre. Wer hier, wie die Eheleute April und Frank Wheeler, trotz seines guten Jobs in einer angesehenen Firma davon träumt, alles hinter sich zu lassen und einfach zusammen mit den Kindern nach Paris zu ziehen, um sich endlich mal wieder selbst zu spüren, der gilt als Spinner und Fantast und muss mit dem entrüsteten Kopfschütteln seiner Nachbarn rechnen.

Das Deutsche Theater Berlin hat Yates’ Roman in einer Theaterfassung, die die Regisseurin Jette Steckel mit ihrer Dramaturgin Anika Steinhoff erstellt hat, auf die Bühne gebracht. Leider scheint ihnen das Kernproblem ihrer Bühnenadaption überhaupt nicht vor Augen gestanden zu haben: dass sich nämlich das heutige Spießbürgertum schon längst vielleicht nicht gerade nach Paris, aber mindestens nach Barcelona abgeseilt hat, um sich mal wieder selber zu spüren, und die Zu-Hause-Gebliebenen rufen ihnen verlässlich hinterher: "Alles richtig gemacht!"

Einsamkeit und Unglück sind universell, aber es ist doch jede Epoche auf ihre je besondere Weise einsam und unglücklich. Und so arbeitet sich dieser Abend drei quälende Stunden lang an einer gesellschaftlichen Problematik ab, die es nicht mehr gibt. Damals lebte man noch in der Welt der normierten Fertigungsprozesse, in der individuelle Extrawünsche als Störfaktor empfunden wurden. Heute haben wir, mit Andreas Reckwitz zu sprechen, den Kapitalismus der Singularitäten, in dem die irritierende Abweichung und die überraschende Innovation prämiert werden: Individualität (Paris!) ist zum Produktivitätsfaktor geworden. Statt eine Ahnung dieser neuen Kreativitätshölle durchscheinen zu lassen, schickt Jette Steckel ihre Schauspieler in eine Schlacht, die längst geschlagen ist. Maren Eggert und Alexander Khuon als April und Frank können da nur verlieren, denn sie sind auf den Typus des In-sich-Reinfressers festgelegt, der irgendwann explodiert. Dann wird geschrien und kurz um sich geschlagen und gewaltsam geküsst, denn das ist, was Schauspieler können: Gefühle rausbrüllen.

"Sag mir, was du wirklich willst", fordert Frank einmal seine Frau heraus, und April antwortet: "Das Geschirr spülen!" Statt ihre wahren Sehnsüchte auszusprechen, flüchtet sie in das Rollenklischee der Hausfrau. Ja, das steht so in Yates’ Roman, aber das Lachen, mit dem das Publikum diese Antwort abnickt, hat doch etwas sehr Retrospektives, so wie man sich über die überwundenen Komplexe der eigenen Pubertät lustig macht. Und wenn der Nachbarin Helen Givings (gespielt von Judith Hofmann) eine Situation peinlich ist, dann erkundigt sie sich mit spitzem Mund bei April nach dem Rezept des Eiersalats. Die Schauspieler haben die Konventionen, in denen ihre Figuren gefangen sind, so sehr durchschaut, dass es keinen Moment gefährlich zu werden droht. Viel biederer als dieser Theaterabend kann das Leben in den amerikanischen Suburbs der Fünfzigerjahre auch nicht gewesen sein.