Als Günter Kunert vor 45 Jahren den Roman Die zweite Frau schrieb, da war er 45, und er wusste: Diese Orgie aus Spott und Hohn über die DDR würde in der DDR niemals erscheinen. Also versteckte er das Manuskript in einer Kiste. Dann wurde Wolf Biermann ausgebürgert, damals im November 1976, es kam zu dem berühmten Brief namhafter Künstler, in dem die Regierung gebeten wurde, die Ausbürgerung zurückzunehmen. Auch Kunert unterschrieb ihn. Das war der Anfang vom Ende, der sich schon in der Zweiten Frau angekündigt hatte. 1979 reiste Kunert samt Ehefrau und sieben Katzen in den Westen, und die Kiste gelangte nach diversen Umzügen in den Keller jenes alten Schulhauses in Kaisborstel nördlich von Itzehoe, wo Kunert bis heute lebt.

Als er kürzlich aufräumte – ein Glück, dass er’s tat –, fand er das längst vergessene Machwerk und fand es gar nicht schlecht. Mit Recht. Zwar ist daraus mittlerweile ein historischer Roman geworden, der all jenen, die mit Kürzeln wie SED oder MfS (Ministerium für Staatssicherheit) nicht viel anfangen können, vermutlich spanisch vorkommt, der aber für all jene, die unter Ostalgie leiden, ein gutes Gegengift darstellt. Der Held der Erzählung sucht ein Geburtstagsgeschenk für seine Frau, erlebt die nur milde überzeichneten Absurditäten der Mangel- und Planwirtschaft und gelangt schließlich in einen jener Läden ohne Schaufenster, die Intershop hießen und wo man alles kriegen konnte – für Westgeld. Beim Warten in der Schlange kommt er mit einem Mann ins Gespräch, und da unser akademisch gebildeter Held an einer fast schon krankhaften Montaigne-Manie leidet, konfrontiert er den Gesprächspartner mit einem ziemlich tückischen Montaigne-Zitat. Wer denn das sei? Ach, nur ein alter Franzose. Dies kommt der Stasi zu Ohren. Sie wirft ihm unerlaubten Kontakt zu einem Ausländer namens "Mohnteine" vor. Kunert muss beim Schreiben seinen grimmigen Spaß gehabt haben.

Gerade ist er 90 Jahre alt geworden. Er hat mehr erlebt, als man eigentlich ertragen kann, die Ermordung seiner Verwandten (die Mutter war Jüdin), die Zerstörung Berlins, die Hoffnung auf ein besseres Deutschland, den Bau der Mauer, den Terror der Stasi. Davon erzählt er in seinem fulminanten Erinnerungsbuch Erwachsenenspiele (1997). Er galt schon in jungen Jahren als Genie, schrieb Gedichte, deren lakonische Schärfe an Brecht erinnerte (mit dem er befreundet war), Drehbücher zu Filmen, die nie gedreht wurden, Erzählungen, Satiren, Essays, die zumeist nur im Westen erschienen. Überdies ist er ein virtuoser Zeichner, der die Pointe, die Groteske überaus liebt.

Natürlich ist er nicht mehr so beweglich wie früher, liegen die Katzen von einst längst unter der Erde, und seine geliebte Frau Marianne, die ihm mehr war als Stab und Stecken, lebt auch nicht mehr. Doch als ich ihn vor gar nicht langer Zeit da draußen besuchte, wirkte sein sarkastischer Witz ganz ungebrochen. Vielleicht war er noch ein bisschen pessimistischer geworden, er würde sagen: realistischer. Der Mensch, so schreibt er in seinen Verspäteten Monologen (1981), fühle sich nur in dem wohl, was er sich erklären könne. Kunert nennt es "Kausalbegehren". Der Erfolg des Marxismus komme daher, dass er das Kausalbegehren ein für alle Mal befriedige. An die Stelle des Marxismus sind heute andere Ismen getreten. Mit Kunert hält man sie leichter aus.

Günter Kunert: Die zweite Frau. Roman; Wallstein Verlag, Göttingen 2019; 204 S., 20,– €