Vom Stolz, Arbeiter zu sein – Seite 1

Wer heute über die Linken spricht, der spricht über ihre Krisen. Und wer über diese Krisen spricht, kommt um zwei Begriffe nicht herum: Identität und Klasse. Wie zwei Pole stehen sie sich in den Debatten gegenüber. Zwischen ihnen liegt das Feld, auf dem der Niedergang der Linken vermessen wird, auch von ihren eigenen Anhängern. Die Linke, kann man häufig lesen, habe "die Arbeiterklasse verraten", indem sie sich vom einen zum anderen Pol bewegt habe. Es gehe ihr kaum noch um Materielles, um die "objektiven Widersprüche", den Konflikt zwischen Kapital und Arbeit, sondern vorrangig um die Anerkennung unterdrückter Minderheiten, deren Emanzipation und den Schutz ihrer Rechte.

Nun gibt es gute Gründe, die Linken für ihre Wirtschafts- und Sozialpolitik zu kritisieren. Und es stimmt auch, dass es den linken Parteien kaum noch gelingt, in Verteilungsfragen Akzente zu setzen. Doch liegt die Ursache ihres Niedergangs keineswegs in der zuletzt von Francis Fukuyama mit Verve kritisierten Hinwendung zu Identitätsfragen. Im Gegenteil: Für die Linke waren diese von Beginn an elementar. Zwischen Klassenkampf und Identitätspolitik bestand kein Gegensatz. Das eine bedingte das andere. Nur so konnte eine schlagkräftige Linke überhaupt entstehen.

Welche historische Macht diese Symbiose entwickelt hat, ist wohl am eindrücklichsten in einem hierzulande wenig bekannten Klassiker der Sozialgeschichte über die Anfänge der englischen Arbeiterbewegung nachzulesen: in Edward Palmer Thompsons The Making of the English Working Class von 1963, einer Studie, die zu den bahnbrechenden Werken der britischen Geschichtswissenschaft gehört, deren Autor allerdings zeit seines Lebens ein Außenseiter geblieben ist.

Edward Palmer Thompson, 1924 in Oxford geboren, war der Spross einer ausgesprochen kosmopolitischen Familie. Die Eltern, methodistische Missionare, verkehrten in den gehobenen Zirkeln der indisch-britischen Diplomatie. Jawaharlal Nehru, später Indiens erster Premierminister, und Mahatma Gandhi waren gern gesehene Gäste im Hause Thompson. Noch als Student in Cambridge schloss sich Thompson der Kommunistischen Partei Großbritanniens an, bevor er im Zweiten Weltkrieg in einer Panzereinheit im Norden Afrikas und in Italien diente. Nach dem Krieg suchte er, ernüchtert von der Willfährigkeit der britischen Kommunisten gegenüber Stalin, die Nähe zu einer neuen, undogmatischen Linken. Er fand sie in einer Gruppe junger Historiker, die inner- und außerhalb der Universität nach einer Neuausrichtung des Marxismus jenseits des Diktats aus Moskau suchten.

Im Gegensatz zu seinem Freund und Weggefährten, dem Historiker Eric Hobsbawm (der 1994 sein viel beachtetes Buch Das Zeitalter der Extreme veröffentlichte), fremdelte Thompson jedoch mit der akademischen Welt. Einen Lehrstuhl besetzte er nur für kurze Zeit, stattdessen war er in der Erwachsenenbildung tätig und stets auch als politischer Aktivist.

The Making of the English Working Class, sein bekanntestes und einflussreichstes Buch, liest sich heute noch – und wieder – mit Gewinn; 1987 hat es der Suhrkamp Verlag in zwei Bänden unter dem Titel Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse herausgebracht. Wobei "Entstehung" keine besonders glückliche Übersetzung für making war: Denn anders als es seinerzeit sowohl der orthodoxe Marxismus als auch die liberale Wirtschaftsgeschichte stets aufs Neue wiederholten, betrachtet Thompson die englische Arbeiterklasse nicht als das zwangsläufige Ergebnis ökonomischer Umstände. Allein aus der sozialen Lage, der Industrialisierung und den elenden Lebensbedingungen, schreibt er, lasse sich nichts erklären. Entscheidend sei das making, die Konstruktion der Klasse als Identität. Die Arbeiterklasse entstand nicht. Sie erschuf sich selbst.

Dies zu belegen hieß für Thompson vor allem, sie überhaupt erst einmal sichtbar zu machen. "Ich versuche", schreibt er in einer berühmten Wendung gegen den akademischen Mainstream seiner Zeit, "den armen Strumpfwirker, den ludditischen [maschinenstürmerischen] Tuchscherer, den 'obsoleten' Handweber, den 'utopistischen' Handwerker [...] vor der ungeheuren Arroganz der Nachwelt zu retten."

Die Bedrohung überlieferter Bräuche und Werte

Dazu häufte er einen Berg an Quellen an, der das gewöhnliche Maß weit überschritt. Was ursprünglich nur als Einleitung einer weiter gefassten Abhandlung über die englische Arbeiterbewegung gedacht war, schwoll dadurch zu einem eigenen Werk an, in dem Thompson die Entstehung der Arbeiterklasse zwischen 1790 und 1830 auf 850 Seiten ausbreitete.

Er bereiste die entlegensten Archive, sammelte Briefe, Tagebücher und Memoiren einzelner Arbeiter, vertiefte sich in Korrespondenzen und Vereinsprotokolle, studierte politische Aufrufe ebenso wie Gesangbücher und Volkslied-Sammlungen. Es war das Partikulare, mitunter das Abwegige und Entlegene, dem Thompson seine tiefsten Erkenntnisse verdankte – und auf dessen Grundlage er ein Panorama der frühen Arbeiterbewegung zeichnete, das so vielschichtig und farbig war, wie man es zuvor noch nicht gesehen hatte.

Die Quellen der klassischen Sozialgeschichte – Handelsregister, statistische Jahrbücher, das Auf und Ab der Getreidepreise – bezog er durchaus mit ein. Aber er las sie gegen den Strich. Dem makroökonomischen Trend stellte er die "Geschichte von unten", die lebensweltliche Erfahrung entgegen. Wo die Wirtschaftsgeschichte in der Industrialisierung einen graduellen Anstieg von Lohn- und Lebensstandards auch unter Arbeitern nachweisen konnte, sah Thompson erst einmal "Entfremdung", "Ausbeutung" und "Verelendung". Ob die Löhne in der Rückschau nun um diesen oder jenen Prozentsatz gestiegen waren: Die proletarischen Zeitgenossen, lautet Thompsons These, erlebten die Industrialisierung als existenzielle Degradierungserfahrung, bestimmt durch das Regime der Fabriksirene, die Zwänge eines maschinellen Zeitrhythmus und die Auflösung kommunaler Wirtschaftskreisläufe und Lebenswelten.

"Was die Gemüter am stärksten erregte", schreibt er, seien "weniger direkte 'Brot-und-Butter'-Probleme" gewesen als die Bedrohung überlieferter Bräuche und Werte wie Gerechtigkeit, Unabhängigkeit und Sicherheit – ein Gedanke, den er später unter dem Begriff der moral economy weiter ausführte.

Thompson stellt die Anfänge der englischen Arbeiterklasse indes keineswegs nur als eine Geschichte von Verfalls- und Niedergangserfahrungen einstmals selbstständiger Berufsgruppen und Gemeinden dar. Entrechtung, Isolation und Disziplinierung bildeten in seinen Augen vielmehr den Humus, auf dem das Bewusstsein der Arbeiterklasse überhaupt erst gedeihen konnte. Erst unter dem Druck von außen hätten die unterschiedlichsten Gruppen und Berufe als Klasse zusammengefunden – vom Matrosen aus Sunderland über den jüdischen Straßenhändler bis zum Schriftsetzer bei der Times.

Thompsons Blick richtete sich dabei vor allem auf den Alltag. Minutiös beschreibt er, wie sich während der Industrialisierung ein immer dichteres Netz an Gemeinschaften bildete, von der Gewerkschaftsbewegung bis zu den arkanen Corresponding Societies radikaler Handwerker, von der Arbeit der Hilfs- und Sterbekassen bis zu ausgelassenen Kneipenabenden. Lesezirkel gründeten sich, Bibliotheken entstanden, und bald erschienen auch die ersten proletarischen Zeitungen. All diese Entwicklungen gingen Hand in Hand mit einem tradierten Festtagskalender, mit Faust- und Hahnenkämpfen, mythischen Erzählungen und Zeremonien.

Klassenbewusstsein, folgert Thompson, äußert sich nicht nur in Gestalt von Protesten, sondern ebenso im Bewahren von Traditionen. Maschinensturm und Aberglaube, illegale Petitionen und das Pflegen von Dialekten: Das alles gehörte für Thompson zu einem kulturellen Netzwerk, in dem die Solidarität zur verbindlichen Norm wurde und ihre Kraft entfaltete.

Die Identitätspolitik ist nicht schuld an der Krise der Linken

Das Bewusstsein der englischen Arbeiterbewegung – dies war eine der bedeutendsten Einsichten von Thompsons Studie – formte sich im Lokalen. Dass aus den einzelnen Stücken letztlich das Mosaik einer selbstbewussten Klasse werden konnte, war von oben herab nicht zu erklären. Vielmehr sei es das Verdienst der "ortsansässigen Buchhändler und Zeitungsverkäufer, Gewerkschaftsorganisatoren, Sekretäre und lokalen Redner". Wenn die kollektive Identität das Gebäude der Arbeiterbewegung war, waren sie die Architekten. Sie organisierten und vernetzten sich – und schufen so den Raum, in dem die Arbeiterklasse sich selbst erfinden konnte.

Heute, rund 200 Jahre später, ist die Welt, die Thompson beschreibt, längst untergegangen. Die Fabriken sind, zumindest in Europa, keine Orte der Unmenschlichkeit mehr. Das Prekariat fährt im Jahr 2019 nicht mehr in den Schacht ein, es fährt mit dem Fahrrad Essen durch die Metropolen. Doch wer Thompson liest, der begreift, dass auch die Arbeiterbewegung eine durch und durch identitätspolitische Bewegung war – und erkennt, wie wackelig der Boden ist, auf dem der Gegensatz zwischen "Klasse" und "Identität" heute steht.

Emanzipation, so lässt sich bei Thompson lesen, war für die Arbeiter nicht nur, ja womöglich nicht einmal in erster Linie eine Frage von höheren Löhnen und kürzerer Arbeitszeit. Im Mittelpunkt der Klassenpolitik stand ebenso der Kampf um Anerkennung und kollektive Selbstbestimmung – durch und durch nicht materielle, heute würde man wohl irrigerweise sagen: postmoderne Ideale.

Die sogenannte Identitätspolitik ist also nicht schuld an der Krise der Linken. Deren Niedergang begann vielmehr, als die Klasse ihre Identität verlor. Als die Symbole, Mythen und Rituale, von denen Thompson schreibt, verblassten, die Kneipen zumachten und die Arbeiterviertel verödeten.

Soziale Klassen waren stets Homogenisierungsmaschinen, die Unterschiede einebneten und gerade hieraus ihre Stärke gewannen. Als die Arbeiterschaft aufhörte, als geschlossener Verband, als Klasse zu existieren, als sich die Milieus auflösten, deren Entstehung Thompson schildert, traten diese Unterschiede in aller Deutlichkeit wieder hervor. Zugleich entdeckten andere gesellschaftliche Gruppen und Minderheiten die Kraft identitätspolitischer Selbstvergewisserung und stritten, wie zuvor die Arbeiter, um Achtung und Anerkennung.

Die politische Linke hat an dieser Modernisierung selbst mitgewirkt. So wie sie den Arbeitern den Aufstieg ermöglicht hat, kämpft sie seit geraumer Zeit für die freie Entfaltung unterschiedlichster marginalisierter Gruppen und für die Akzeptanz ihrer Lebensentwürfe.

Bei aller Begeisterung für die vielfältigen Formen der proletarischen Widerspenstigkeit erkannte schon Thompson die Ambivalenz solcher Identitätspolitik. Es wäre "töricht", schreibt er, "die Dinge nur von der idyllischen Seite zu betrachten", ohne die Kehrseite des Milieus zu erkennen: seine rigorose Verschlossenheit. Nüchtern beschreibt er die Exklusionsmechanismen, auf denen die englische Klassenidentität beruhte: die männliche Kultur des Beisammenseins, die Abgrenzung nicht nur gegenüber dem Bürgertum, sondern auch etwa gegen irische "Billigarbeiter" oder Abweichler anderer Art. Wie jede Gemeinschaft basierte die der Arbeiter auf dem Unterschied zwischen "uns" und "den anderen". Aus der Betonung des Eigenen zog die Arbeiterbewegung ihre normative Kraft.

Wer es ernst meint mit der Beschreibung der linken Krise, sollte diese Ambivalenzen des Klassenkonzepts kennen. Statt die eine Identitätspolitik gegen die andere auszuspielen, wäre zu fragen, wie es kam, dass die soziale Lage als identitätsstiftende Kategorie verschwand. Und was dem entgegenzusetzen ist.

Ein "Zurück zur Klasse", wie es nun manche fordern, wird es für die Linke allerdings kaum geben. Was längst verschwunden ist, kann niemand wieder heraufbeschwören. Wo man es doch versucht, wird Politik zu Folklore. Von Thompson allerdings lässt sich lernen, wie sich ein solidarisches Bewusstsein neu bilden kann: im Lokalen, wo das Verbindende das Trennende überwiegt, wo disparate Gruppen zusammenfinden und in einem überschaubaren Erfahrungsraum ein Gefühl von Zusammengehörigkeit entwickeln.

Es ist heute nicht anders als vor mehr als 200 Jahren: Neue Formen der Zugehörigkeit und Solidarität entstehen nicht einfach. Sie werden gemacht.