Vor Kurzem rief ich einen alten Freund an. Ich bemerkte das erst später, als er mir eine Nachricht schickte: "Was ist denn das auf meiner Mailbox von dir?" Ich erschrak, schaute nach und schrieb zurück: "Offenbar hab ich mich im Auto auf mein Handy gesetzt und dich angerufen." Und: "Ich hoffe, du hörst mich nicht singen!" Mein Freund antwortete: "Doch, so in etwa." Und dann: "Mit Pfeifen." Und dann: "Es war furchtbar."

Ich glaube – ich hoffe, dass jeder Mensch, wenn er allein ist, peinliche Dinge tut. Ich singe gern im Auto, zu Radio Paradiso. Das ist ein Berliner Sender, der eine Mischung aus Tracy Chapman, Tina Turner und Rod Stewart spielt. Es gab eine Zeit, da warb Radio Paradiso damit, der Sender zu sein für Menschen, die Schaum lieber in der Badewanne als auf einem Bier mögen, oder für Menschen, die ihre Bauchmuskeln nicht im Fitnessstudio trainieren, sondern beim Lachen.

Sobald jemand anderes mit im Auto sitzt, schäme ich mich für diese Sprüche und dafür, dass bei Radio Paradiso dauernd irgendwas aus Dirty Dancing gespielt wird. Die Mitfahrer glauben meist, dass ich den Sender ironisch höre, so wie sich Hipster Schnurrbärte wachsen lassen, oder dass ich ihn nur aus Versehen eingestellt habe. Sie suchen dann sofort nach radioeins. Ich nehme nicht mehr gerne Leute im Auto mit, die sind mir zu kritisch, auch als Publikum. Eine ehemalige Mitbewohnerin, die mich mal singen hörte, sagte: "Du hast das Herz einer Sängerin, aber nicht die passende Stimme dazu." Ich bin seither eine Sängerin, die die Öffentlichkeit meidet.

Wenn ich allein fahre, singe ich eigentlich immer mit. Meist ist das nicht so schwer. Wenn es im Radio heißt "Sing Hallelujah", singe ich Hallelujah. "Ja ja ja Coco Jambo" kann ich mir merken, Lady in Red auch, allerdings habe ich lange nicht kapiert, dass es "cheek to cheek" heißt, deshalb sang ich wie ein Vogel: "Tschilpie tschilp." Ich singe immer mit, auch wenn ich nicht textsicher bin. Ich liebe zum Beispiel italienischen Pop. Wenn Eros Ramazzotti "Se bastasse una bella canzone" singt, singe ich aufgrund meiner mangelnden Sprachkenntnisse und vielleicht auch, weil ich immer ein wenig hungrig bin, "Se Pasta una grande Calzone".

Ich mag auch Tracy Chapman, die hörte meine Schwester immer, als ich noch klein war. Wenn Tracy Chapman "Don’t you know, they’re talking about a revolution, it sounds like a whisper" singt, dann flüstere ich "Whisper" , einfach weil Tracy Chapman das auch so macht und ich das Lied respektiere. Bei In the Air Tonight von Phil Collins spiele ich Schlagzeug auf dem Lenkrad, davon kann mein alter Freund nichts wissen, das geht lautlos ab.

Ab und an sendet Radio Paradiso Wortbeiträge namens "Gedanken zum Auftanken", Radio Paradiso nennt das "kurze Momente zum Innehalten", ich sage dazu: Luftholen.

Ich habe mich nach diesem Anruf-Vorfall eine ganze Weile lang geschämt. Dann erzählte eine Kollegin, die schon viel länger bei der ZEIT arbeitet als ich, von der ZEIT-Weihnachtsfeier. Sie sagte, es gebe ein Lied, mit dem man fast alle auf die Tanzfläche kriegt, es sei Don’t Stop Me Now von Queen. Sie sagte, die meisten würden den Text kennen und die meisten würden auch ekstatisch mitsingen.

Das Lied handelt von Sexmaschinen, bereit zum Nachladen:

"I’m a sex machine, ready to reload
Like an atom bomb about to
Oh, oh, oh, oh, oh explode"

Die ZEIT ist eine Welt voller feingeistiger Menschen, wirklich. Wenn jemand eine Doppelseite über den Kolonialismus in Nairobi zwischen 1901 und 1903 verfasst, findet sich garantiert ein anderer, der in der nächsten Woche eine Replik schreiben möchte, weil ihm das Thema noch nicht ausgeleuchtet genug erscheint. An den Türen im Haus staut es sich, weil wir jeden gern vorlassen. Als mir die Kollegin von der Weihnachtsfeier erzählte, ging es mir sofort besser. Ich finde das wahnsinnig tröstlich: Am Ende des Tages sind wir alle nur Sexmaschinen, ready to reload.