© Monja Gentschow für DIE ZEIT

Jetzt denken Sie bitte nicht darüber nach, warum man Bad Oeynhausen anders schreibt, als man es spricht. Wenn Sie im Zug sitzen und als nächsten Halt "Öhnhausen" hören, lassen Sie das einfach mal auf sich wirken. Rollen Sie ein in den kargen Bahnhof, und stellen Sie sich vor, dass hier, in diesem ostwestfälischen Kur-und-Kliniken-Städtchen, bis 2006 noch ICE-Züge hielten, worauf man sehr stolz war – so stolz, dass man es bis heute in der Vergangenheitsform erwähnt.

Vielleicht sagt der Schaffner ja ohnehin O-i-n-hausen, was den Lauten eines Schweinchens ähnelt. Fast könnte man meinen, derjenige, der es fälschlicherweise so ausspricht, sei der intimere Kenner der Stadt. Denn wir haben den Bahnhof verlassen und machen uns auf den Weg: als Erstes zu den Schweinchen.

Immer geradeaus, durch die Hauptstraße der Innenstadt, die Klosterstraße, bis Sie die fünf Schweinchen sehen. Weil sie für die Stadt etwas geleistet haben, stehen sie, in Bronze gegossen, mitten in der Fußgängerzone. Die Menschenfigur daneben, das ist der Colon Sültemeyer. Colon bedeutet Landwirt. Bad Oeynhausener wundern sich, wenn jemand das nicht weiß.

Der Colon, so sagt es die Legende, hat – wir sprechen von der Mitte des 18. Jahrhunderts – seine Schweinchen in den Dreck geschickt. Sie suhlten sich eifrig, und als sie wiederkamen, hing an ihnen nicht nur Dreck, sondern auch etwas Glänzendes. Die Schweine hatten Salz gefunden.

Da das damals wertvoll war, wollte man mehr davon. 1830 begann eine Bohrung, 696 Meter tief. Der Fund brachte erst Enttäuschung: Wasser sprudelte aus dem Loch. Die Bauarbeiter wuschen sich damit, wohlig warm soll es gewesen sein. Dann kam doch noch Begeisterung auf: Die erste Thermalsolequelle der Stadt war gefunden. Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. schenkte dem Ort seine Gunst. Bad Oeynhausen wurde zum Weltbad.

Sie ahnen, was zu tun ist mit dem guten Zeug: atmen, trinken, baden. Dieser Verben-Dreiklang ist vom Stadtmarketing geklaut, das gute Zeug nennen sie "die Bad Oeynhausener Sole". Für das Atmen müssen Sie in den Sielpark, zehn Minuten zu Fuß. Lassen Sie an der Saline den Dunst durch die Nase ziehen, besser als jedes Salz-Spray aus dem Reformhaus. Dann gehen Sie in den Kurpark und schauen sich erst mal um: Schön ist es hier. Das hätten Sie in der Innenstadt vielleicht nicht erwartet, wo auch viel Nachkriegszweckbau rumsteht. Hier ist es nun mondän und von allem etwas da: das Badehaus I, klassizistisch; das Badehaus II aus der Neorenaissance; das Kurhaus, neobarock; die Wandelhalle, neoklassizistisch.

In der Wandelhalle trinken Sie einen Schluck Solewasser. Mehr davon wollen Sie nicht, zu bitter. Aber einer muss sein, das ist wie bei schlechtem Schnaps. Nur können Sie sich hierbei sagen: Die Mineralien helfen, vor allem wenn Sie Allergien haben oder Osteoporose.

Sollten Sie Ihre Badesachen dabeihaben, gehen Sie nun in die Therme der Stadt, die weder nach dem Colon noch nach dem König benannt ist, sondern nach, na, was glauben Sie? Bali. Wer käme da nicht drauf?

Denken Sie nicht zu lange darüber nach. Fühlen Sie sich zwischen den balinesischen Skulpturen im Fernurlaub, legen Sie sich in die Becken, und lassen Sie sich heilen. Wenn das geklappt hat, bedanken Sie sich draußen beim Jordansprudel, dessen Wasser die Bali-Becken füllt. Er ist die größte kohlensäurehaltige Thermalsolequelle der Welt und hat nichts zu tun mit dem Fluss aus der Bibel. Jordan hieß ein verdienter Chef der Badeverwaltung.

Nach der Reinigung brauchen Sie einen Konter. Zurück in der Klosterstraße finden Sie im Café Finselbach dafür reichlich: Toasts, Trüffel, Torten. Sollten Sie der Meinung sein, dass für diesen Ort Ihre Kleidung noch nicht beige und Ihr Haar noch nicht grau genug ist, gehen Sie nach nebenan, ins Brösel. Das ist eine Kneipe und, so sagt es TripAdvisor, die "Nr. 1 von 2 Nachtleben". Das mag – sehr leicht – untertrieben sein, aber dem Kern der Aussage können Sie vertrauen. Sie wissen nun Bescheid über die Schweinchen und das Salz. Also bestellen Sie kein Guinness oder Weizen, sondern ein Herforder Pils. So machen es auch die Oeynhausener, die sich Öhnhausener nennen.