Einen Film, in dem Barbara Auer mitspielt, sollte man immer anschauen, allein wegen Barbara Auer. Weil sie eine Mischung aus Stolz und Verletzlichkeit verströmt, schon in ihrer ersten kleinen Rolle, 1983 in Alexander Kluges Die Macht der Gefühle. Oder fast zwanzig Jahre später als flüchtige RAF-Terroristin in Christian Petzolds Die innere Sicherheit. In unzähligen Serienauftritten und Krimirollen gelingt Auer immer wieder das Unglaubliche: die Überdeutlichkeit des Fernsehens wie nebenbei durch ihr schauspielerisches Mysterium zu sabotieren.

Natürlich kann es auch noch weitere Gründe geben, einen Film anzuschauen. In Vakuum von der Schweizerin Christine Repond sind es zum Beispiel die zurückhaltend komponierten Einstellungen, in deren Zentrum fast immer Barbara Auer steht. Es ist die Kamera, die ihr wie eine Komplizin den Raum gibt für etwas, was man Ausstrahlung nennen kann. Es ist ihr Filmpartner Robert Hunger-Bühler in der Rolle eines Mannes, der seine Frau aus tiefstem Herzen liebt, ihr aber dennoch etwas Schreckliches zugefügt hat.

Seit 35 Jahren sind Meredith und André verheiratet, er Architekt, sie Hausfrau. Gemeinsam bewohnt man ein cooles, nicht mehr ganz neues Betonhaus mit Garten. Gerade planen die beiden den Hochzeitstag, als Meredith durch Zufall erfährt, dass sie HIV-positiv ist. Die Ansteckung kann nur durch André erfolgt sein. Als Meredith ihrem Mann im Auto hinterherfährt, entdeckt sie, dass er ein Bordell besucht. Darüber hinaus geschieht kaum etwas, aber unendlich viel mehr spielt sich ab. Zwischen dem Gesagten und in den Pausen zwischen den Worten. In einem abgebrochenen Satz. In Blicken, Gesten, Körperhaltungen.

Die Körperlichkeit, mit der Auer spielt, erlebt man selten so selbstverständlich im deutschen Kino. Ob die Kamera Meredith beim Duschen nach dem Tennis zeigt, beim Abendessen mit Freunden, beim Sex mit ihrem Mann, beim Rauchen eines Joints im Garten – Auer erfüllt das Bild mit physischer Spannung, noch im Moment der Verzagtheit oder des Zusammenbruchs.

Diese Schauspielerin verbirgt nichts, spielt aber auch nicht für den Blick der anderen. Sie bewahrt ihre Unergründlichkeit und teilt sich dennoch mit. Man muss sich anschauen, wie brüchig, flackernd, unsicher der Blick von Barbara Auers Figur nach dem Schock der Entdeckung wirkt. Immer wieder wird sich dieser Blick verändern, um schließlich zu einer fast unheimlichen Ruhe zu finden. Und es ist schon ein Wunder, was man alles mit einem banalen Gang zum Komposthaufen ausdrücken kann.

Auf einer offensichtlichen Ebene erzählt Vakuum vom Umgang mit HIV und von der – empörenden – Tabuisierung der Krankheit im Milieu einer gewissen Bürgerlichkeit. Die Krankheit ist aber auch Zeichen dafür, dass etwas Irreversibles geschehen ist. Womöglich hat dieses Etwas weniger mit Moral und enttäuschtem Vertrauen zu tun als mit der Tatsache, dass die Welt nicht so war, wie man angenommen hatte. Dass sie immer unberechenbarer und abgründiger ist als der kleine Teil, in dem man sich eingerichtet hat.

Der Film macht aber auch klar: Was diesem Paar widerfährt, ist bereits lange vorher geschehen. Das titelgebende Vakuum war schon da, irgendwo unter der Einrichtung, zwischen den Möbeln, im Schlafzimmer, beim Sex, der mit mechanischer Leidenschaft vollzogen wird.

Wird man durch eine Trennung zu zwei Fragmenten von etwas ehemals Ganzem? Kann Liebe auch bedeuten, die Liebe nicht mehr leben zu können? Ist das Paar immer schon der Kompromiss gegen die Einsamkeit? Meredith wird die Antwort suchen, während die Augen von Barbara Auer all diese Fragen stellen.