Es gibt eine Art von Verwirrung, die sich nur in fernen Weltgegenden ereignet. Wenn einem der Reifen platzt, und zufällig stehen am Straßenrand ein paar Menschen, die sich langsam nähern – und man sich fragt, warum man ausgerechnet in dieses verlassene Kaff am Ende der Welt gereist ist. Diesem Gefühl hat der Schriftsteller Gunther Geltinger seinen dritten Roman gewidmet, in dem die beiden Protagonisten Vinz und Alexander in einem Auto über südafrikanische Landstraßen heizen. Sie wollen etwas erleben und dabei ihre in die Jahre gekommene Liebesbeziehung zurechtbiegen. Vinz ist Schriftsteller, Alexander Biologe, und beide spüren eine Saturiertheit, die aktuell jeden zweiten Gegenwartsroman zu beflügeln scheint: "Mitte der Gesellschaft, Mitte des Lebens, was soll jetzt noch kommen?"

Was kommt, ist ein Unfall, ein lautes Scheppern, als die beiden deutschen Abenteuerurlauber einen Einheimischen anfahren. Der Mann, der sich später als Unami vorstellt und aus Simbabwe kommt, kauert am Boden, stöhnt und keucht. Die Freunde verarzten den Verletzten und nehmen ihn aus Dank oder Unterwürfigkeit (oder aus dem Gefühl der Verantwortung heraus) als persönlichen Tour-Guide mit auf die Reise. Unami ist fortan so etwas wie die Brücke zur südafrikanischen Welt, die sie von ihrer ärmsten, dunkelsten Seite kennenlernen werden. Vertrauen dem Fremden gegenüber stellt sich trotzdem nicht ein.

Der Roman funktioniert auf zwei Ebenen: Einerseits geraten die Reisenden immer wieder in Grenzsituationen. Ominöse Polizeikontrollen, unverständliche Gespräche, prekäre Gefahrenlagen erfordern eine Interpretationsleistung, die niemals abgeschlossen ist und in alle Richtungen ausschwenken kann. Gunther Geltinger nutzt dieses Potenzial, indem er tief in die Herzen seiner Protagonisten hinabsteigt und das Spiel der Deutungen in extreme Richtungen lenkt.

In jeder Begegnung wittert Vinz eine Gefahr; in jeder gutmütigen Geste vermutet Alexander einen Trick, der sie ins Verderben locken soll. Der ganze Roman pendelt zwischen exotischem Staunen und kultureller Überforderung. Die Begegnung mit dem afrikanischen Reiseland ähnelt zunehmend einer paranoiden Tour de Force. So ist auch die Sprache: voller Übertreibungen, Metaphern der Katastrophe und Bilder der Verzweiflung. Nichts ist schön an dieser Expedition. Alles existiert, um die Protagonisten aus ihrer Komfortzone zu holen und an einen radikalen Scheideweg zu führen.

Auf der zweiten Ebene wendet der 1974 geborene Autor Orts- und Zeitsprünge an, um die Reise als Schlusspunkt einer Beziehungskrise verständlich zu machen, die weit in die deutsche Vergangenheit des Paares zurückreicht. Die Krise ist, oberflächlich betrachtet, körperlicher Natur. Die sexuelle Energie der Anfangsjahre ihrer Liebe ist verloren gegegangen. Der Roadtrip ist der Startschuss für eine innere Inventur. Unami wiederum ist die Projektionsfläche für sexuelle Fremdheitsfantasien und zugleich für ethnische Vorurteile. Als den Männern das Benzin ausgeht und die Biografie ihres Begleiters immer größere Lücken und Brüche aufzuweisen beginnt, kommt der Roman so richtig in Fahrt. Doch die eigentliche Stärke ist sein Stil. Gunther Geltinger gelingt es, die banalsten Beobachtungen in rasante Pointen zu verwandeln. Den Schlaf nennt er die "unschuldigste Aussparung von Welt", "das beste Mittel gegen die lähmende Erkenntnis der Endlichkeit jedes menschlichen Wesens" ist für ihn "harte Arbeit". Solche Sätze möchte man sich an die Wand pinnen. Ein Impuls, der sich beim Lesen von Romanen nur selten einstellt. Hier kann und will man ihn nicht abschütteln.

Gunther Geltinger: Benzin
Roman; Suhrkamp, Berlin 2019; 377 S., 24,– €, als E-Book 20,99 €